Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Das Glück des Hauses Löbenthal
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 799 - 800 (sequence 2)
- Language
- German
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799 Siegbert Salter: Das Glück des Hauses Löbenthal. 800 der Stimme seines Herzens folgend, sterblich verliebt in. die kleine Jenny Löbenthal. Die tiefschwarzen orientalischen Augen, der kühne Schwung ihrer Nase, die seltene Seelengüte des herzigen Kindes — es waren des Barons höchsteigene Worte — hatten es ihm angetan und ihm die Kraft verliehen, dem drohenden Bruch mit seiner illustren Familie zum Trotz, seine liebreizende Jenny Löbenthal heimzuführen. Denn zum Bruche würde, musste es kommen. Nie würden die von der Reck, deren Ahnen sich ohne erbebliche Schwierigkeiten bis in die Zeit des siebenten Kreuzzuges nachweisen liessen, nie würden die Nachkommen der alten Ritter vom burglichen Reckenstein in diese Verbindung einwilligen. Von diesem drohenden Bruch sprach eben der Herr Baron mit ernsten Worten. Er sass vornehmlässig hingestreckt in dem bequemen Clubsessel und blies mit spitzen Lippen den bläulichen Rauch seiner Upman in die Luft, während seine schlanke, aristokratisch bleiche Hand nervös über das braunrote Leder des Sessels strich. Und das Unangenehmste dabei war, dass der Herr Baron, da er doch seiner Familie sein junges Glück verheimlichen musste, nicht einmal die paar lumpigen braunen Lappen zur standesgemässen Regelung der •ersten, bei solchen Fällen stets notwendigen Dinge flüssig machen konnte, ohne den Verdacht des Familienoberhauptes derer von der Reck zu erregen und so vielleicht alles in Frage zu stellen. Er musste sie alle vor ein fait accompli stellen, sonst würden sie Mittel und Wege finden, das wusste er nur zu genau, ihm sein ganzes Vermögen zu entziehen und ihn hier unmöglich zu machen. Sein Lieblingswunsch aber, das kleine Nest seines künftigen Frauchens selbst auszustatten, müsste er sich nun schon ganz und gar versagen. Aus allen diesen Gründen sollte die Trauung auch möglichst bald erfolgen, und zwar wollte man sich mit blosser Ziviltrauung begnügen, teils dieserhalb, teils ausserdem. Denn in die Synagoge gehen — nun, das ging denn doch nicht gut an, und in die Kirche wollte der Herr Baron seine Braut nicht schleppen, dafür war er zu edelgesinnt. Nur keinen Seelenzwang! Selbstverständlich liess sich Herr Löbenthal die günstige Gelegenheit nicht entgehen, seinem Herrn Schwiegersohn zu zeigen, in welch kapitalkräftige Familie er hineinkomme, und als der gute Jüngling .sich nach dem solennen Diner — Borchardt, das Gedeck zu 40 Mark — empfahl, war sein Portefeuille aufs beste garniert. Ausserdem hatte es sich der glückliche Schwiegervater nicht nehmen lassen — der arme junge konnte sein Geld jetzt nützlicher verwenden —, dafür zu sorgen, dass Herr von der Reck in seinem Hotel eine gediegene Auswahl an Perlenketten, Demantkolliers ■und ähnlichen Kleinigkeiten vorfand, um am Abend, wo eine ganz intime Feier stattfinden sollte, seinem Bräutchen ein kleines Angebinde verehren zu können. Der Hofjuwelier aus der Friedrichstrasse hatte sich beeilt, den Auftrag Herrn Löbenthals bestens auszuführen, und so fand Baron Reck zu seiner angenehmen Ueberraschung bei seiner Rückkehr im Hotel eine köstliche Anzahl jener kleinen Geschenke, die die Freundschaft erhalten. — — — —----- Am Abend harrte eine freudig erregte Gemeinde bei Löbenthals. Als Festredner hatte man sich den berühmten Kabarettisten Hohnhuber geleistet, der mit unschuldigster Miene und so hochanständig die schlüpfrigsten Gemeinheiten zu sagen wusste und vor dessen forschenden Kennerblicken sich die Damen errötend wie vollständig entkleidet vorkamen. Heute stellte er seinen Geist auf gutbürgerliche Glückseligkeitsstimmung ein, gemildert durch einige harmlose Eindeutigkeiten. Ferner war da der Herr Bankier Tattenheim, der seit Jahren schon sich bemühte, durch reichlich bemessene und bereitwilligst beigetragene „Scherflein" darzutun, dass auch „von" Tattenheim sich sehr gut ausnehmen würde. Ferner hatte sich Frau von Fransechsy eingefunden, der hier allein die ehrenvolle Aufgabe zufiel, das aristokratische Prinzip zu vertreten; sie tat dies aufs würdevollste, indem sie ihre Vorgeschichte verschwieg. Das Hauptkontingent hatte die Familie Löbenthal gestellt: alles, was ihr vervettert oder verschwägert war und im Umkreise von zehn Meilen wohnte, war hinzugezogen worden, und alle waren bereitwilligst gekommen, um sich am aufgehenden Stern ihres Hauses zu weiden und die gut besetzte Tafel ihres reichen Verwandten gebührend abzugrasen. Nur einer war noch nicht da: Baron Reck.. „Es wurde acht und es wurde halb neun, es wurde neun und es wurde halb zehn", der Bräutigam liess sich nicht blicken. Fräulein Jenny sass aufgeregt und blass zwischen ihren Gästen, und Papa Löbenthal lief jede dritte Minute hinaus, um nach dem heiss Ersehnten zu forschen. Endlich cotschloss er sich, selbst ins Hotel zu fahren; vielleicht war dem Baron etwas zugestossen. „Baron Reck? — Arn Nachmittag abgereist!" hie?s es dort. Aber er hatfe einen Brief hinterlassen. r. . . . und es muss eine Indiskretion Ihrerseits begangen worden sein", stand darin. rMeine Familie hat alles in Erfahrung gebracht und mich gezwungen, von der beabsichtigten Verbindung abzulassen. Das Herz blutet mir .... usw." Merkwürdigerweise hatte der Herr Baron, zweifellos in der Bestürzung der unverhofft plötzlichen Abreise, ganz vergessen, die paar braunen Lappen — Bagatelle —, die ihm zur Bestreitung der ersten dringenden Ausgaben von dem guten Schwiegervater in spe verehrt worden waren, dem Briefe einzufügen.