Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Die russischen Judenverfolgungen und die deutschen Juden in früheren Zeiten
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 793 - 794 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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793 Dr. B. Halm: Die russischen Judenverfolgungen und die deutschen Juden in früheren Zeiten. 794 ist dessen Zeuge, so wird sie sich, auch noch heute bewähren! — Aber wer soll handeln, wie soll gehandelt werden? — All die Juden, die an der österreichisch-russisclien Grenze bis auf eine Entfernung von 50 Werft wohnen, und ihre Zahl ist vielleicht mehr als Hunderttausend, sie müssen in das Innere des Landes ziehen! So lautet das Gebot! "Weil dieser oder jener — vielleicht von der schrecklichsten Not dazu getrieben — die Zollgesetze übertreten, büsset das ganze Volk! Während man schon seit mehreren Jahren von der hohen Milde und Gnade hört, mit der die Regierung für die Bildung und Aufklärung eines seit Jahrhunderten bedrückten 'Volkes sorgen will, während das ganze Land schon im voraus gefrohlockt und sich gefreuet, reichhaltigen Dank abgestattet für das, was es — ich weiss nicht wann —.erhalten soll — da kommt ein kaiserlicher Ukas und sagt: verlasset Euren Heid, brechet auf mit Hab und Gut, ziehet fort, tief ins Innere des Landes! Was sie besessen, sie geben es auf, den mühsamen Erwerb, der sie ernährte, sie müssen ihm entsagen! Wohin sie kommen werden, wie sie sich und Weib und Kind künftig Brot schaffen werden, sie wissen es nicht! Hätte man ihnen lieber erlaubt, ein Land zu verlassen, das ihnen kein 'Vaterland, sie hätten doch anderswo Brüder, Teilnahme und Hilfe gefunden! Aber im Innern des Landes, wer soll ihnen da helfen? Ihre Klagen werden verstummen, ihr Leiden dringt nicht zu uns, ihre Seufzer verhallen in der Ferne! So bleibet denn nicht untätig, Ihr, die Ihr Euch ihre Brüder nennet, vereinigt Euch, tretet zusammen in allen Städten, in allen Gauen, beratet, helfet, verwendet Euch für Eure unglücklichen Glaubensgenossen bei ihrem Herrscher; vielleicht bleibt Euer Bitten, wenn es von allen Seiten herkommt, nicht ohne Erfolg. Bittet Eure eigenen Fürsten, dass sie sich für die Armen verwenden, nehmet freundlich auf, die sich zu Euch flüchten, zeiget, dass der alte gute Sinn Euch noch nicht verlassen! Denket jetzt nicht an Euch: jene sind unglücklicher als Ihr; trennet Euch nicht, weil Eure Ansichten, Euer Streben Euch trennet, haltet fest zusammen und helfet! Sollen sich im neunzehnten Jahrhundert Auftritte wiederholen, wie die Geschichte sie uns vom Mittelalter erzählt? Wir können es nicht glauben, wir mögen es nicht denken! — AVenn Ihr alle Euer Bitten vereinigt, wenn es Euch gelingt, mächtige Verwendung zu finden, wenn die Tagespresse immerfort für Eure armen Brüder spricht, wenn auch die ihre Teilnahme zeigen, die anderen Glaubens sind (und sie wird gewiss nicht fehlen), sollte man da nicht hotten dürfen, dass eine Re- HELENE VON MISES LEMBERG. Ruthenischer Bauer. gierung, die für den Fortschritt so mächtig sich ausgesprochen, diesen Befehl zurücknehme? — Sollte wirklich das Unerhörte geschehen? — — Wirket, handelt und hoffet\u Der arme Ideologe Ludwig Simon! Seine Hoffnung, dass die russische Regierung ihren Ukas zurücknehmen werde, blieb unerfüllt — welch' Geistes Kind sie ist, hat sie jetzt aufs Neue in entsetzen erregender Weise bewiesen, und Europa sieht schaudernd, aber stumm dem Schauspiel zu. . . . Es sind ja nur Juden, die ermordet, beraubt und geschindet werden t DAS SCHWERT DE Von Richard Zitternd im Dunst der Wüste stand rot der Mond über dem Horizont. Die Feldfeuer der Juden waren erloschen; denn es war Sabbat. In den tiefen Höhlen des Berges, der die Flüchtlinge barg, war ein heimlich sorgendes, ängstliches Leben. Alte Männer sassen gebeugt auf S JUDA MAKKABI. H ll 1 d S C h i n e r. Nacbdrm k verboten. dem Boden und beteten um ihre erschlagenen Söhne, die Klageweiber schrieen und zerfleischten sich die welken Brüste mit ihren verzweifelten Händen. Es kam ein Stöhnen von der blutgetränkten Erde, stieg auf, breitete sich aus, schwebte über der Wüste wie eine dräuende