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Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 747 - 748

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Jozef Israels' "Jüdische Hochzeit"
Date
1905-12-01
Page
Seite 747 - 748 (sequence 2)
Language
German
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747 G. Kutna: Jozef Israels' „Jüdische Hochzeit" 748 Charakter Tiefes erschöpft. Saul und David ist biblischer Sang und biblische Jugend, der „Thoraschreiber" ein altes Denkmal einer fernen geistigen Welt, ein verwittertes Bollwerk aus alten Waffentagen. Im „Sohn des alten Volkes" sieht man jüdische Müdigkeit und Versonnenheit, in der „Jüdischen Hochzeit" Juden im Lichtschein der Familienfeier. Das Bild ist 1902 entstanden, Israels war nahe 80, und eine tiefe Lebenserfahrung gehörte dazu, es zu schaffen. Lebenserfahrung nicht in künstlerischem Können — darauf kam es beim besten, das Israels hat, nie an—, sondern jene Lebenserfahrung, die gelernt hat, in stillen Ecken dankbar Schönheit zu entdecken. Die Bildwirkung liegt im Zentrum, sie setzt sofort ein und zentralisiert allmählich allePeripherie. Der beseelte Raum, den Israels so innig gestaltet, hat hier nicht den ersten Akzent. Einen Augenblick scheint es, als sei die Handlung dargestellt und nicht bildmässig die Handlung im Räume, was bei Israels i mmer in höchster malerischer Feinheit vereinheitlicht ist. Aber der Raum ist »da, nur weitet er sich still, um der verdichteten Stimmung den vollen Mittelpunkt zu lassen. Israels sagt, wenn man die seelischen Qualitäten seiner Werke bewundert: „Wir Maler sehen mehr darauf, wie so eine Gestalt in die grosse Atmosphäre hineiogesetzt ist"; hier aber wird das Raumgefühl erst wach, wenn die Seelenstinimung übervoll ist und nach Weite verlangt. Dann ist der Raum da — als Sphäre, als Hauch, saumlos im Grunde. Der Inhalt ist auf das einfach Menschliche beschränkt. Die laute Welt ist zurückgelassen, ohne Spannung, ohne Nachdruck tritt die Seele ans Licht; nichls von äusserer Festlichkeit mengt sich darein und nichts von Repräsentation. Wie eine häusliche Szene JOZEF ISRAELS. Jüdische Hochzeit. des Alltags, scheint es, Lichtschimmer und Andacht sind der ganze Glanz. Es ist kein anberaumtes Fest, und niemand ist geladen; zwanglos ist eine Stunde gekommen, da die Menschen ahnen, dass Glück und Schicksal um sie Kreise ziehen. Die Ehe ist längst im Himmel geschlossen, jetzt berühren sie sich und sagen sich leise: wir wissen es, dass wir verbunden sind, wir wissen es. — Und alles schweigt. Du und ich, wir wissen, was unserem Leben Sinn gibt, und neben uns sind Wesen, die umzäunen unser Dasein. So sprechen sie verschwiegen und sind weithin entrückt; entrückt, aber nicht unwirklich; die Wirklichkeit hält nur den Atem an und lausch t in die eigene Tiefe. Eine Barke stösst lautlos vom Strande und zieht in die weite Dämmerung hinaus. Ganz verinnerlicht ist der Gegenstand gegeben, innen ist die Festlichkeit, was soll's weiter an Gepränge. Die grösste Armut ist ja noch reich, und der Hintergrund aller Dinge ist Segen und Güte. Das ist die Philosophie in Israels' Bildern, er lässt Sonnenstäubchen in Keller.räume dringen und zündet den armen Juden Sabbatlichter an. Darum darf er tiefernst sein und ist doch nicht gedankenschwer, er darf in tiefe Verschwiegenheiten eindringen und ist doch überzeugend wie der helle Mittag. Vergeistigte Typen drücken tiefe Menschenbangnis aus, am Freudentag zittert Schwermut durch die Seelen nach jüdischer Weise, und dabei ist es wieder so schlicht in der Fassung, als sei es ein Vogelpaar, das an den Nestbau geht. Die Weisheit und die Güte gingen dem Leben nach, und als sie sich begegneten, blickten sie ihm treu ins Gesicht; da lächelte das Leben in stillem Einverständnis. OELGEMAELDE.

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