Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Worte des Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772 - 1810)
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 733 - 734 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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733 Martin Buber: Worte des Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772—1810). 734 Alle Kräfte harren und schauen aus, dass sie in das Wort eingehen. * * * Der böse Trieb ist wie einer, der unter den Menschen umherläuft, und seine Hand ist geschlossen, und niemand weiss, was in ihr ist. Und er geht zu jedem und fragt: „Was fasse ich wohl in meiner Hand?" Und jedem dünkt es, als sei das in der Hand, was er zu innerst begehrt. Und alle laufen jenem nach. Und dann öffnet er seine Hand, und es ist nichts darin. * * * Man kann Gott mit dem bösen Triebe dienen, wenn man sein Entbrennen und seine begehrende Glut zu Gott lenkt. Und ohne bösen Trieb ist kein vollkommener Dienst. * * * Es gibt Menschen, die leiden furchtbare Not und können nicht erzählen, was in ihrem Herzen ist, und sie gehen einher, voll der Not. Kommt ihnen da einer entgegen mit lachendem Angesicht, er vermag sie zu beleben mit seiner Freude. Und das ist kein geringes Ding: einen Menschen beleben. * * * Der Mensch ängstet sich vor Dingen, die ihm nichts antun können, und er weiss es; und er gelüstet nach Dingen, die ihm nicht fruchten können, und er weiss es; aber in Wahrheit ist es ein Ding im Menschen selbst, vor dem er sich ängstet, und es ist ein Ding im Menschen selbst, nach dem er gelüstet. * * * Keiner nimmt es in seinem Herzen auf, dass der Mensch jeden Tag stirbt, denn an jedem Tage stirbt ein Selbst, und keiner achtet darauf. * * * Die AVeit ist wie ein kreisender Würfel, und alles kehrt sich, und es wandelt sich der Mensch zum Engel und der Engel zum Menschen und das Haupt zum Fuss und der Fuss zum Haupt, so kehren sich und kreisen alle Dinge und wandeln sich, dieses in jenes und jenes in dieses, das oberste zu unterst und das unterste zu oberst. Denn in der Wurzel ist alles eines, und in dem Wandel und dem Wiederkehren der Dinge ist die Erlösung beschlossen. * * * Die Körperwelt ist nur der Mittelpunkt der grossen wirbelnden Weltenkreise. * * * Alle Worte des Lästerns und aller Grimm der Feindschaft wider den Echten und Schweigsamen sind wie Steine, die gegen ihn geworfen werden, und er baut aus ihnen sein Haus. APHORISMEN, MISCELLEN, LITERARISCHES. Berichtigung. In dem im vorigen Hefte unserer Zeitschrift erschienenen Artikel „Aquis Emersus" am Schlüsse der Seite 580 ist eine Stelle beim Umbruch des Satzes so verstümmelt und entstellt worden, dass sie einen ganz anderen Sinn bekommen hat und zu Missverständnissen Anlass geben könnte. Wir geben hier daher den richtigen Wortlaut der betreffenden Stelle (die dort mit den Worten „antizionistische Broschüre" beginnt) wieder. Sie lautet: „Das beweist u. a. die Antwort auf die antizionistischen Kritiken der Herren Oberrabbiner Dr. Güdemann und Claude Montefiore, die doch wirklich fühlende Juden sind." * * * Die Religion des Judentums. Eine Religion ohne Formen ist ebensowenig möglich, wie ein Gehirn ohne Gehirnschale lebensfähig ist. Hätte das Judentum das Zeremonialgesetz aufgegeben, um das Heidentum zu gewinnen, so hätte seine Religion den heidnischen Anschauungen sich anpassen müssen und die Reinheit seiner Lehre hätte darunter gelitten. Mit Recht sagt daher Lazarus in seiner Ethik: „Das Judentum musste partikularistisch sein, um universalistisch zu werden und zu bleiben." Die Idee des reinen Monotheismus, die keinem menschlichen Wesen, und wäre es noch so gross und erhaben, göttliche Verehrung zollt, findet sich heute noch nur in der jüdischen Religion; und solange diese Idee nicht von der ganzen Menschheit erfasst ist, solange muss eben das Judentum partikularistisch bleiben. Die religiösen Formen im Judentum müssen im allgemeinen und im Prinzipe bei aller religiöser Fortentwicklung festgehalten werden, weil der Monotheismus wohl das wichtigste Fundament unserer Religion ist, aber noch kein Gebäude bildet. Die religiösen Formen haben, wie sowohl Maimonides in seinem 3. Teile des „More Nebuchim" als auch Mendelssohn in seinem Jerusalem bemerkt, einen hohen ethischen Wert, indem sie alle zum Monotheismus in innigster Beziehung stehen. Wir haben das Recht, über das Zeremonialgesetz nachzudenken, die Gründe desselben zu erforschen, wir können