Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Justizrat Dr. Heinrich Meyer Cohn
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 731 - 732 (sequence 2)
- Language
- German
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731 Justizrat Dr. Heinrich Meyer Cohn. 732 kosmos des Gesamtjudentums, ein verkleinertes Spiegelbild von dessen Ringen nach Luft und Leben. Bescheiden und anspruchslos, wie er war, kannte er weder Klassennoch Bildungsdünkel und trat schlicht und herzlich den Menschen gegenüber. Es charakterisierte ihn eine tiefe Scheu vor der Öffentlichkeit, und gleich wie er nie nach Anerkennung für seine Wirksamkeit im Dienste des Allgemeinwohls strebte, so wenig langte er auch nach literarischen Lorbeeren, die er in reicher Fülle hätte ernten können. Manche jüdische und allgemeine Zeitschrift brachte im Verlaufe der Jahre mehr als einen gediegenen und inhaltsreichen Beitrag, der Aufsehen erregte, aus seinen Federn, doch ohne Nennung seines Namens. Es sei hier nur der prachtvollen Abfertigung Chamberlains gedacht, die allenthalben für ein Werk Hermann Cohens gehalten wurde, und die in Wirklichkeit Heinrich Meyer Cohn zum Verfasser hatte. So streute er in reichlichem Maße seine Gaben überallhin, helfend, mahnend, ratend, arbeitend, so lange er lebte. Nun wurde er uns entrissen für immer. Eine unauslöschende dankbare Erinnerung wird sein Lohn sein. WORTE DES RABBI NACHMAN VON BRATZLAW (1772—1810). Dem Hebräischen nachgebildet von Martin Bub er.1) Glaube ist ein gar starkes Ding, und durch den Glauben und die Einfalt ohne alles Klügeln wird einer gewürdigt, zur Stufe der Gnade zu kommen, die höher ist sogar als die heilige Weisheit: ihm wird überreiche und mächtige Gnade in Gott beschieden in sehr seligem Schweigen, bis er die Gewalt des Schweigens nicht mehr tragen kann und aufschreit aus der Fülle seiner Seele. Es ist nicht möglich, anders in das Heilige Land zu gelangen, als durch Leiden. seine Augen und sein Herz zu Gott zu erheben und zu ihm zu schreien. Und dieses tue man zu jeder Zeit; denn der Mensch ist in der Welt in grosser Gefahr, wenn er alles mit der Seele weiss. Alle Nöte des Menschen kommen aus ihm selbst, denn das Licht Gottes ergiesst sich ewig über ihn, aber der Mensch macht sich durch sein allzu körperliches Leben einen Schatten, also dass das Licht Gottes nicht zu ihm gelangen kann. Es gibt Menschen, welche die Worte des Gebetes zu sprechen vermögen in Wahrheit, also dass die Worte leuchten wie ein Edelstein, der aus sich selbst leuchtet. Und es gibt Menschen, deren Worte nur wie ein Fenster sind, das kein Licht aus sich selbst hat, das dem Lichte nur Eingang gibt und aus ihm erstrahlt. Die Augen sind ein sehr erhabenes und hohes Ding, und sie schauen unablässig grosses und furchtbares Wesen, Gesichte und Erscheinungen, und wäre der Mensch reiner Augen würdig, dann würde er Grosses fassen durch seine Augen, denn sie sehen unablässig, allein er weiss nicht, was sie sehen. Die Schrift ist nur ein Werk der Seele, aber das Wort ist die Seele selbst. Es gibt zweierlei Geist, der ist wie rückwärts und vorwärts. Es gibt einen Geist, den der Mensch erlangt im Gange der Zeiten. Aber es gibt einen Geist, der über den Menschen kommt in grosser Fülle, in grosser Eile, schneller als ein Augenblick, denn er ist über der Zeit, und es bedarf keiner Zeit zu diesem Geiste. Es schreie ein jeder zu Gott und erhebe sein Herz zu ihm, als hinge er an einem Haare und der Sturmwind brauste bis zum Herzen des Himmels, bis dass er nicht wüsste, was er tun solle, und beinahe keine Zeit mehr hätte zu schreien. Und in Wahrheit ist ihm kein Rat und keine Zuflucht als einsam zu werden und *) Siehe Anmerkung zu der im Heft 7/8 von „Ost und Welt" erschienenen Legende „Der Rabbi und sein Sohn", dem Rabbi Nachman von Bratzlaw nacherzählt von Martin Buber. Wie die Hand, vors Auge gehalten, den grössten Berg verdeckt, so deckt das kleine irdische Leben dem Blick die ungeheuren Lichter und Geheimnisse, deren die Welt voll ist, und wer es vor seinen Augen wegziehen kann, wie man eine Hand wegzieht, der schaut das grosse Leuchten des Welteninnern. Wenn der Mensch gewürdigt wäre, die Lieder und Lobgesänge der Kräuter zu vernehmen, wie jedes Kraut ein Lied zu Gott spricht ohne alles fremde Wollen und Denken, wie schön und süss wäre es, ihr Singen zu hören. Und daher ist es gar gut, in ihrer Mitte Gott zu dienen in einsamem Wandeln über das Feld hin zwischen den Gewächsen der Erde und seine Rede auszuschütten vor Gott in Wahrhaftigkeit. Alle Rede des Feldes geht dann in seine ein und steigert ihre Kraft. Er trinkt mit jedem Atemzuge die Lüfte des Paradieses, und kehrt er heim, ist die Welt erneuert in seinen Augen.