Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Bezalel
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 641 - 642 (sequence 9)
- Language
- German
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641 Dr. J. Thon: Bezalel. 642 Es braucht nur angedeutet zu werden, von welcher weittragenden Bedeutung die Wirksamkeit des „Bezalel" für die kulturelle Hebung der Bevölkerung sein wird. Wird doch schon die Arbeit an sich neue, von einer in Müssiggang versunkenen Bevölkerung bis dahin nicht empfundene Bedürfnisse wecken, höhere Anforderungen an das Leben stellen lehren, ganz besonders aber wird durch diese Art von Beschäftigung das Kulturbedürfnis der Bevölkerung beschleunigt werden. Die Ausübung eines Ivunsthandwerks wird ihren ästhetischen Sinn bilden; es werden so unter der in Schmutz verkommenen Bevölkerung Leute sich ausbilden, denen Reinheit, Ordnung, äussere Schönheit zu einer Lebensnotwendigkeit werden wird. Kann ihre erzieherische Wirkung auf alle anderen, auf ihre Väter, Brüder und zunächst die Jüngeren unterschätzt werden? Kann man die Bedeutung ermessen, die der mehrjährige Aufenthalt hervorragender Künstler auf die Bevölkerung des Landes ausüben wird? In Verbindung mit der Kunstgewerbeschule in Jerusalem ist schon jetzt eine Sammlung kunstgewerblicher Werke und künstlerischer Arbeiten in Aussicht genommen, die sich vielleicht mit der Zeit zu einem jüdischen Museum entwickeln wird. Schon sind dem „Bezalel" eine Reihe hervorragender Kunstwerke zur Verfügung gestellt. Viele wertvolle Kunstgegenstände und kostbare Bücher sind ebenfalls der Schule bereits geschenkt worden. Es bedarf keiner weiteren Worte, um zu beweisen, dass neben den Kunstschulen nichts geeigneter ist, bei der Bevölkerung Verständnis für höhere Kulturwerte zu wecken, als ein solches Museum, und wir könnten stolz darauf sein, wenn das erste derartige Institut im Orient, wie wir es hoffen, ein jüdisches sein würde. Aber nicht nur der künstlerischen Erwerbung des Orients dient der Bezalel, sondern gleichzeitig auch der moralischenHebung der Bevölkerung. Wenn jede Arbeit den Menschen veredelt, und speziell den erst zur Selbstachtung und eigentlichen Menschenwürde erhebt, der durch sie aufhört, Fremde anzuflehen, und lernt, durch eigene Kraft sich zu helfen, um wie viel mehr wird eine solche Arbeit das Gute im Menschen grossziehen, in welcher es keine rücksichtslose Konkurrenz, keinen gegenseitigen Kampf ums tägliche. Brot geben wird! Als Genossen, und nicht wie Feinde werden die einzelnen einander begegnen. Es kann sich höchstens — und das wird wahrscheinlich eintreten — ein Wettstreit um besseres Können entfalten, eine Rivalität, welche nur Anregungen zu besserem Schaffen gibt. In dieser auf friedlicher Gemeinschaft beruhenden Organisation werden es alle bald lernen, dass der Mensch dem Menschen mit guter und freundschaftlicher Gesinnung sich nähern soll, dass die Menschen miteinander sich verbinden müssen, um Gutes und Wertvolles zu schaffen. Mit nüchternem Sinn geht man jetzt nur daran, unseren Brüdern in Palästina Arbeits- und Erwerbsmöglichkeit zu bieten und werden weitergehende, wiewohl innigst gehegte Wünsche unserer Künstler, auf altheimatlichem Boden jüdisch-künstlerischem Schaffen einen an Anregungen reichen Sammelpunkt zu errichten, der eigenen Entwickelung der Dinge überlassen. Doch darf man vielleicht von dieser in ihrer Art ersten jüdischen Schule, die nach dem Altmeister unserer Sage benannt ist, auch erwarten, dass viele jüdische Künstler in ihr ein ersehntes vereinigendes Band finden werden. Vielleicht gelingt es ihnen, auf ihr als Grundsteindort, wo das A JAHN STATUETTE Heiligtum unseres Kultus war, das Nathan der Weise. Heiligtum unserer Kunst zu errichten.