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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 595 - 596

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Szene aus Berlin W.
Date
1905-09-01
Page
Seite 595 - 596 (sequence 2)
Language
German
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595 Siegbert Salier: Szene aus Berlin W. 596 „Kirchgange" aufgerafft hatten, bildeten in ihren Equipagen und .Mietsdroschken eine lange Reihe, die nur langsam in der verkehrsreichen Strasse vorwärtskamen. „Dieses Oueubilden ist ekelhaft," meinte der Herr Rat. Die Damen fanden das nicht. So konnte man doch auch etwas sehen und gesehen werden. Als man endlich in die Oranienburgerstrasse einbog und die vergoldetenKuppelnderSvnagoge, vom Abendrot umflammt, herüber winkten, staute sich, hier die Menge der frommen Tempelfabrer derartig, dass man halten musste. „Aber Mami," rief da plötzlich das Fräulein. „Wo hast Du denn Dein Perlenkollier? — — Und deine Boütons?" fügte sie erblassend hinzu. Da hatte man die Bescherung! In der Eile waren die kostbaren Geräte vergessen worden. Daran waren die kleinen Negerlein schuld. Das hatte man von dem philanthropischen Eifer. Die Damen waren untröstlich. So in den Tempel gehen? Ohne jedes Abzeichen? Wie eine xbeliebige Kaufmannsfrau?---Unmöglich! Lieber kehrt man um. Das war man sich schuldig. Der Herr Rat lächelt unmerklich. Zufrieden wendet er sich zum Kutscher und leise, damit es in dem nächsten Wagen nicht gehört werden könne, gebot er: „Zu Kempinsky!" — — — — — AUS DER JÜDISCHEN SAGEN- UND MÄRCHENWELT. Von Bar - Ami. vi.-) Das A'ögele. War einmal ein sehr reicher Mann, der hatte keine Kinder. Aber er und sein Weib sehnten sich sehr nach einem Kinde. Da fuhr er zum Rebbe. Sagt der Rebbe, er werde einen Sohn bekommen, aber nur bis zum 13. Jahre werde derselbe leben, dann müsse er sterben. Der Mann war damit zufrieden, dachte aber, ich verberge es vor meiner Frau. Er kommt nach Hause und erzählt: „Der Rebbe hat mir gewünscht (mich gesegnet), dass Du, mein Weib, einen Sohn haben wirst." Nach Jahresfrist genas die Frau eines Knaben. Das Weib war sehr erfreut, der Mann aber blieb traurig. Fragt sie ihn: „Warum freust Du Dich nicht?" antwortet der Mann: „Man muss den Dingen ihren Lauf lassen." Das Kind wurde gross, und es wuchs zu einem Gaon heran. Der Vater aber blieb traurig, denn er wusste, dass diese Herrlichkeit nicht von langer Dauer sein werde. Indessen dachte er, ich werde ihn in ein kinderreiches Haus hinein verheiraten, vielleicht bleibt er mir doch leben. Der Knabe wurde verlobt, und bald kam der Hochzeitstag. Man machte zu demselben grosse A'orbereitungen, denn die Mutter sollte ihrem Sohne eine glänzende Hochzeit bereiten. Alles freute sich und war voller Hoffnung, der Vater allein blieb traurig. Es kam die Trauung; der Bräutigam stand-schon unter dem Baldachin, und man ging, die Braut abzuholen. Und als man mit der Braut zur Chuppah (Baldachin) kam, war der Bräutigam verschwunden. Die Mutter beginnt zu weinen und zu schreien: rWo ist mein Sohn, mein einziger, mein goldener!" Sie sagte: „Ich werde gehen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und von AVald zu Wald, bis ich meinen Sohn gefunden habe." Zuerst aber ging sie zum Rebbe. Wie sie zum Rebbe kam, da sagte dieser: „Du sollst gehen, wohin Dich Deine Augen tragen: Du wirst kommen zu einem eisernen Berg, zu einem gläsernen Berg, und wenn Du die beiden Berge überstiegen haben wirst, dann findest Du Deinen Sohn." Die Mutter ging und ging; da traf sie den eisernen Berg, den überstieg sie; dann traf sie den gläsernen Berg, sie will hinauf, kann aber nicht, denn der Berg ist schlüpfrig. Sie setzt sich hin auf einen Stein und beginnt bitterlich zu weinen. Da erbarmt Nachdruck verboten. *) Siehe „Ost und WesL" Heft 7/S Jg. V. sich Gott ihrer und schickt ihr einen Vogel, der trägt ein spitzes Beil in seinen Klauen. Sie ergreift das Beil, beginnt damit kleine Vertiefungen in den Glasberg zu hauen, die ihr als Stiegen dienen, und so kommt sie endlich auf die andere Seite des Berges. Dann geht sie weiter und geht und geht, bis sie endlich in der Nacht ein Licht schimmern sah. Sie ging' weiter und bemerkte eine Hütte, aus welcher das Licht kam. In die Hütte trat sie, und aus Furcht vor Räubern, welche in derselben wohnen könnten, versteckte sie sich unter dem Bett. In der Nacht sah sie, wie ein Vogel getlogen kommt; an der Tür wirft er von sich die Feilem, und es setzt sich ein prächtiger Jüngling an den Tisch, um zu lernen. Die Mutter eikennt in diesem ihren Sohn. Denkt sich die Mutter, wenn er weggehen will, trete ich auf ihn zu, und nehme ihn heim. Bis sie sich entschliesst, ist der Jüngling wieder in einen Vogel verwandelt und schon davongeflogen. Die Mutter beschliesst nun, die zweite Nacht abzuwarten. Der Vogel kam wieder, tat von sich die Federn, und machte .sich ans Lernen. Da trat die Mutter leise an die Tür und schloss dieselbe.' Nachdem er gelernt hatte und auf die Tür zuging, sagte die Mutter zu ihm: „Sohn, mein teurer, mein herziger, habe ich wenig um Dich Kummer gelitten! Kommr doch mit mir heim!" Sagt der Sohn: „Komm', ich nehme Dich auf meine Flügel, und trage Dich weit, weit fort; dann wirst Du noch weiter gehen, und wirst sehen einen grossen Palast, und drinnen sitzt ein Mann und sammelt um sich die Vögel und streut ihnen Futter. Darunter wirst Du ein blaues. Vögele bemerken, mit weissen Streifen; das ergreif dann schnell,, stecke es in Deinen Busen und mache Dich rasch davon." Dann nimmt er sie aui seine Flügel und trägt sie weit, weit Da sagt die Mutter: „Fühlst Du nicht,. Kind, wie heiss es hier ist?!" Sagte der Sohn: „Tief, tief unten ist die Hölle." Sie ilogen weiter. Sagte die Mutter: „Fühlst Du nicht, Kind, wie schön es hier duftet?" Antwortet der Sohn: „Da ist das Paradies, und es duftet so schön." Er Hess sie nieder und sie ging weiter, weiter; kam sie in einen grossen Palast, und sab, wie einer sass und alle Vögel zusammenrief und ihnen Futter streute. Da erkannte sie ihr blaues

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