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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 575 - 576

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Aquis Emersus
Date
1905-09-01
Page
Seite 575 - 576 (sequence 1)
Language
German
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575 576 AQUIS EMERSUS. Von A. Coral Eines der feinsten Stimmungsfeuilletons, die ich je gelesen habe, ist eine kleine geistreiche Causerie yon Herzl, dem Meister des Stimmungsfeuilletons, und diese kleine Causerie, die ich so liebe, trägt den absonderlichen, tief-wehmütigen Titel: Aquis submersus, Untergetaucht in den Wassern. Es gibt Sachen, deren Name viel schwerwiegender ist ab der Inhalt. Und nicht ohne Grund. Das, was der Schriftsteller, der Stimmungsmensch, der Denker, dem es an der gewaltigen Kraft der Konzentration fehlt, nur mit Mühe aus seinem Innern heraus zu gestalten vermochte, das, was er sich trotz der grössten Anstrengung nicht entringen konnte, nämlich den Hauch des wahren Gefühles, das alles, die tiefste Tiefe seines Gedankens, den ganzen Komplex von Empfindungen, die um das "Wort schwirren und im Worte keinen Platz finden, all das konzentriert der Künstler manchmal im Titel, im Namen. Diesmal war es bei Herzl der Fall. Aquis submersus — das ist ein symbolisches Bild, das ist die treffendste Charakteristik für Herzl an sich, für Herzl als blossen Künstler, abgesehen von seiner grossen Rolle, die er sich geschaffen, von der Glorie, die er sich verschafft hat. Herzl hatte Dramen und Komödien geschrieben, manche waren nicht schlecht, aber in der Reihe der ■deutschen Dramaturgen nahm er keinen hervorragenden Platz ein, und in der Geschichte der Weltdramaturgie wird man Herzl. vergebens suchen. Nicht hierin lag seine Grösse — er fühlte es. Herzl hatte Feuilletons geschrieben, Meister-, Musterfeuilletons. Klar und formvollendet. Tief in ihrer Art. Aber Feuilletons sind keine Kunstwerke, sie sind höchstens Torsi. Michelangelos Torsi werden auch jetzt noch bewundert, aber Herzl, der Schriftsteller, war kein Michelangelo. Nicht hierin war seine .Seele, seine Unsterblichkeit — er fühlte es. Und er fühlte sich als „aquis submersus" — weltentrückt, allzu objektiv, allzu ironisch, feinlächelnd. Warum? Stürmte er doch sicherlich hinaus ins Leben mit hohen, grossen, welterobernden Plänen. Gebrach es ihm an Kraft? Vielleicht auch, aber mit denselben, ja viel geringeren Gaben ausgerüstet, haben andere Künstler Dauerhafteres geschaffen. Also wo liegt die tiefste Wurzel der Herzischen Schriftstellernatur? Ich weiss nicht, ob Herzl sich je dessen bewusst wurde, ich bin sogar geneigt, anzunehmen, dass das Gegenteil der Fall war. Herzl war der typische „Deracine", der „Entwurzelte". Das Wort ist ziemlich neu, der Begriff ist alt, so alt wie das Volk, das diese Typen in besonders grosser Anzahl erzeugte, das jüdische Volk. Es gibt bekanntlich eine Art von Pflanzen, die im Gegensatz zu den meisten Pflanzen mit den Wurzeln gleichsam in der Luft, mit ihren Kronen im Boden stecken. Fruchtbar sind diese Pflanzen nicht. Alle unsere grössten jüdischen Schriftsteller waren nik (Berlin). Nachdruck verboten. eigentlich „Deracines". Waren es nicht Heinrich Heine und Ludwig Börne, war es nicht sogar Berthold Auerbach? Worin sich das äusserte? Darin, dass sie nie auf festem Boden standen, dass sie immer in der Luft, auf den Höhen schwebten, und denen, deren Blut und Hirn sie sein wollten, schliesslich fremd blieben. Und von all diesen Entwurzelten war Theodor Herzl der typischeste. Wie eine schwere Last drückte ihn dieses nationale vererbte Uebel, es machte ihn steril in gewissem Grade. Man würde in den Werken Herzls vergebens nach Lokalfarben suchen, man findet sie nicht. Seine Dramen und Feuilletons sind allgemeinmenschlich, und deshalb fehlt ihm die packende Gewalt der Gegenwart, der innige Zusammenhang mit dem Volke, für das er schrieb. -Fühlte sich Herzl je als Oesterreich er, als Deutscher? Ich erinnere mich, nie einen Satz von ihm gelesen zu haben, wo er dem Worte „Deutsche" ein „Wir" vorangestellt hat. Auch als er noch ein nur-deutschcr Schriftsteller war, war er kein Deutscher, fühlte er sich nie mit irgend einem Boden verwachsen. Und es kam eine Zeit, wo ihm diese seine urtiefste Wesenheit zum Bevvusstseinsinhalt, zum Erlebnis wurde. Er hat sich begriffen. Er fühlte nun. eine Kluft zwischen sich und der Welt, der er anzugehören glaubte, und er schien sich ein „aquis submersus". . . Der frohmütige Herzl, der Lustspiele dichtete, der grosse, schöne, stolze Mann, der feine Kosmopolit, der in den Salons von Paris brillierte, wurde auf einmal ein melancholisch gestimmter, resignierter, beinahe entsagender, philosophierender Mensch. Ein anderer an seiner Stelle hätte sich vielleicht auch dabei beruhigt, daran Wohlgefallen gefunden und sich zum „Blase" entwickelt. Herzl war eine zu starke, herrische, lebenbejahende Natur. Er war nicht aus dem dünnen, biegsamen Holze der Literaten. Er sagt es selbst in seiner „Selbstbiographie" :?„Ich war aus Eisen — und ich wurde zum Stahl." Er hatte den Mut, kehrtum zu machen, er hatte Vertrauen genug, mit 35 Jahren ein neues Leben zu beginnen. In den felsigen und wasserarmen Gegenden gibt es eine besondere Art von Zauberern: es sind „Wasserpropheten", „Ouellenfinder", „Sourciers", wie sie in Frankreich heissen. Sie tragen an ihrem Finger einen Zauberring. Und sobald irgendwo in der Tiefe der Erde eine Quelle rieselt, da beginnt sich ihr Zauberring zu regen, es zuckt der Finger — die Quelle ist gefunden. Herzl war ein „Sourcier" für sich und für sein Volk. Sein Zauberring war sein Gewissen, die Quelle, die er entdeckte, war die heisse Quelle des neuen jüdischen Lebens. „Es war ein Mann, der hatte die Not, ein Jude zu sein, tief in seiner Seele empfunden. Seine äusseren Umstände waren nicht unbefriedigend.

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