Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Zwei Werke Glicensteins
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 539 - 540 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583940-2592577--05430-2592645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
.-539 Zwei Werke Gliccnsteins. 540 unermessbar ist die Weile des Schweigens, aber Anfang und Ende dieses Schweigens ist begrenzt von gewaltigen Geschehnissen. In dieser Form, schuf Glicenstein einen Barbarossa des Judentums. Einen anderen Geist bekundet der wandelnde Jüngling Glicensteins, den der König von Italien angekauft hat. Eine schöne, jugendliche Menschengestalt, mit Bewegungsmotiven von grösster Einfachheit und natürlicher Delikatesse gibt sie holde Kunde von Pracht und Rhythmus der Menschennacktheit. In statischer Zuständlichkeit erscheint uns die Gestalt, wir sehen zuerst nur eine leise einsetzende Neigung nach vorn. Dann beleben sich die Linien, und die minimale Lautbarkeit wächst zu hoher Rhythmik an. Das; statische .Moment geht vom linken Bein aus, die Tragefunktion gibt der Linie feste Einordnung, der Arm vermittelt die Anspannung nach oben. Der Kopf drückt noch Ruhe aus und leitet zur Bewegung hinüber. Er neigt sich passiv nach unten und ist zugleich schwebend in der Direktive nach vorn. Im Oberkörper spiegelt sich ein Muskelspiel Hebung und Senkung des Körperschritts, die Hand gibt in Korrespondenz zum. Kopfe die Richtungslinie, und das Bein setzt eben mit der Bewegung ein. Der Blick hat ein unbestimmtes Gesichtsfeld, schweift lose hinaus, von keinem Ziele beengt. Die ganze Menschenerscheinung entwickelt ein ruhig sinnendes Dasein, in edler Bildung strahlt ein Körper, ernste Schönheit scheint mit dekorativem Reiz verschmolzen, das Einfache ist rätselvoll tief und die Nacktheit: das schönste Geheimnis. NACH DEM Von Rechtsanwalt Dr. Motto: „Die Toten haben keinen Lohn, denn vergessen ist ihr Andenken." Prediger Kapitel 9 Vers 5. Ernst und düster, in stiller Erhabenheit beherrschte, das Bildnis des verstorbenen Führers den Kasinosaal zu Basel. Die Julihitze lastete über einer Masse von mehr als 2000 Menschen, welche in lautloser Stille dem feierlichen, in seiner Einfachheit gewaltigen, zum Herzen sprechenden Nachruf lauschten, den Max Nordau seinem Freunde hielt. Der Ruhe, welche diesmal den Eingang des Kongresses auszeichnete, sollte ein Sturm ohnegleichen folgen. In dem Blätterwald von Papier, der die öffentliche Meinung beherrscht, rauschte es, wie wenn in der Nähe ein Gewitter mit gewaltigen elektrischen Entladungen vorübergezogen wäre. Unsere Gegner-schüttelten die Köpfe und begruben den toten Helden Zionismus zum 7. Male. Sie taten, als hätten sie die grössten Erwartungen an diese ideale Volksbewegung geknüpft, indem sie mit feierlicher Gespreiztheit bedauetten, dass er nun ein so schlimmes Ende genommen. Aber auch in den Herzen der eifrigsten Vorkämpfer und Freunde der Sache war die Stimmung keine freudige und zuversichtliche zu nennen. Die Sieger und Be-!) Mit Rücksicht auf die hervorragende Stellung des Verfassers in der zionistischen Bewegung gehen wir ihm hier gern das Wort, obwohl wir uns nicht mit allen seinen Ausführungen ■völlig identifizieren können. (Red. v. „Ost und West".) KONGRESS. lodenheimer, Köln.1) Nachdruck verboten. siegten des Kongresses zogen betrübten Herzens heimwärts, nur erhoben durch den eisernen Willen, der Volkssache weiter in treuer Ergebung zu dienen. Welches merkwürdige Gefühl beschlich die Herzen, dass nirgends nach dem Kampfe eine richtige Siegesireude herrschte, obwohl es doch keinem Zweifel unterliegen kann, dass die Partei der Zions-Zionisten ihre Absicht erfolgreich durchgesetzt hatte, den Kongress zu einer grundsätzlichen Ablehnung aller Landprojekte ausserhalb Palästinas und seiner Nachbarländer zu zwingen. Für den Einsichtigen war die Lage vor dem Kongress völlig klar, und nur der Parteifanatismus konnte sie verdunkeln und verwirren. Der grosse Führer war gestorben, und keine wichtigere Autgabe konnte der Kongress erfüllen, als die neue Führung nach Grundsätzen zu schaffen, welche den Fortschritt der Bewegung und die gedeihliche Entwicklung derselben verbürgten. Aber der tote Führer hatte auch eine Erbschaft hinterlassen, die liquidiert werden musste, das Ostafrikaproblem. Die englische Regierung hatte der Leitung der zionistischen Bewegung einen Fleck Landes angeboten, wo das jüdische Volk,, unter günstigen Umständen, nach seinen eigenen Gesetzen leben, und vielleicht einen nationalen Sammelpunkt für künftige Zwecke hätte bilden können. Ueber die Frage, ob die zionistische Bewegung prinzipiell sich mit einer solchen