Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Zwei Werke Glicensteins
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 535 - 536 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583940-2592577--05428-2592643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
535 536 ZWEI WERKE GLICENSTEINS. ^% r i „Der Messias sitzt an den Toren Roms — unter Armen, unter Leidenden, mit Krankheiten Beschwerten — die eine Hand ist frei, die andere gefesselt." So lautet eineHagadah-Legende. In dieser Legende fand Glicenstein Anregungen, Künstlerideen zu formen, die seit langer Zeit durch sein Gemüt gezogen. So entstand sein,, Messias Er fand ein dankbares Publikum, als er mit diesem Werke auf dem Kongress zu Basel vor die Oeffentlichkeit trat und sie ergriff. Man sah darin ein Geschenk an dasjüdische Volk, und im Museum der Kunstgewerbeschule „Bezalel" in Jerusalem kommt ein Abguss zur Aufstellung, ein Dokument von der Sehnsucht eines jüdischenKünstlers.1) Glicenstein hat viel jüdisches Leid litten. Das begleitete ihn Nachdruck verboten. zu Bildern von n«r , f ■M :V t m-- < ■'•hilL; IflN ß-uM^äM '•X % -CV i y '■ ■$••1^?' ' >-^^eB888^f: ^v-^P?^;-'- HENRIK. GLICENSTEIN. Messias. (Rechte Seitenansicht). gang und verdichtete sich plastischer Greifbarkeit. In seiner Seele gestaltete sich ein Traumgebilde eines „gefesselten Messias" und drängte nach künstlerischer Formung. Dasjüdische Schicksal wollte Glicenstein darstellen, das Leidensschicksal seines Volkes. Aber das jüdische Leid hat eine besondere Note, und wenn ein Jude diesem Leide Gestaltung gibt, hat es eine Durchsichtigkeit, die infernenGründen ein stilles Halbdunkel durchschimmern lässt: dort schimmert messianische Hoffnung. Das jüdische Schicksal war zum „jüdischenGenius" geworden. Leidenvoll war dies Schicksal aber gesehen, darum ist der Messias von schwerem Schlummer ROM. gesehen und erauf seinem Werde- 1) Einen ausführlichen Artikel über den „Rezalel", sowie Abbildungen von weiteren Kunstwerken aus' der Sammlung des Museums dieser Kunstj>ewerbeschule werden wir im nächsten Hefte von „Ost und West" veröffentlichen. gefesselt. Er sitzt nach vorn gebeugt, senkt sich nach unten, und weite Kreise liegen unter ihn gebreitet. Tief versenkt, weckt er ein Raumgefühl der Höhe, und von oben, ragt er hernieder.