Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Das Kleine und das Große
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 531 - 532 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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531 Dr. L. Baeck: Das Kleine und das Grosse. 532 Aber unmittelbar daneben steht das Kleinste und Kleinlichste: Quisquilien der Sabbatvorschriften, der Reinheitsgesetze und der sonstigen sogenannten Zeremonialsatzungen werden nicht nur, was ja selbstverständlich ist, mit peinlichster Sorgfalt dargestellt, sondern auch, was das Bezeichnende ist, mit der gleichen Bedeutsamkeit des Tones vorgetragen, wie jene tiefsten Fragen des Menschenlebens. Und alles, das eine wie das andere, wird aus der Bibel herausgelesen, und auch sie wird so zum Buche vom Erhabenen wie zum Buche vom Kleinlichen. Oder um es ad hominem zu zeigen: Ein Mann, wie Rabbi Akiba, dessen ganzes Leben dem Judentum geweiht war, der für die Befreiung des jüdischen Volkes gewirkt und gekämpft hat, war doch mit ganz demselben Eiter und demselben Ernst bemüht, „die Häkchen und Tüpfel der Thora" zu ergründen. Er war freilich ein Lehrer der Thora und tat es um dessentwillen, aber er tat es mit dem ehrfurchtsvollen Bewusstsein, damit ebenso für sein Volk und seine Religion zu arbeiten, wie damit, dass er den Weg des Messias bereiten half oder in den Tod für seine Ueberzeugung ging. Um das zu begreifen, ist es erforderlich, sich das Verhältnis Israels zu der heidnischen "Welt, die es umgab, klar zu machen. Man kann sich den Gegensatz, oder genauer gesagt, die sittliche Kluft zwischen Judentum und Heidentum gar nicht schroff genug denken. Um sie in ihrer ganzen Tiefe zu schildern, müssten die Sittengeschichte Griechenlands und Roms und die Kulturgeschichte der asiatischen Völker ausgemalt werden. Für das Denken der Heiden hatte man im Judentum volle Anerkennung; man gestand ihnen nicht nur das Suchen nach Wahrheit, sondern auch einen gewissen Besitz derselben zu und pries angesichts ihrer Weisen Gott dafür, dass „er von seiner Weisheit den Menschen mitgeteilt hat". Aber geschieden, weit geschieden wusste man sich im Lebenswandel, in ethischer Hinsicht. Es war damals unter den Juden tiefinnerste Empfindung, in einer anderen, reineren Atmosphäre zu leben; man war, aus aufrichtigem Herzen heraus, Gott dafür dankbar, wie ein altes Wort es sagt, dass „man zu denen gehörte, deren Weg nach den Gotteshäusern und Lehrhäusern führte, nicht nach den Stätten der Gladiatorenkämpfe und der Unzucht". Wohl am lautesten und deutlichsten spricht hier, dass die Ueberschrift der Sittlichkeitsgebote, der Reinheits- und Keuschheitssatzungen, welche lautet: „ihr sollt heilig sein!", in dem alten Midrasch wiedergegeben ist mit den Worten: „ihr sollt euch absondern!" Wenn man hörte: „ehre Vater und Mutter! liebe deinen Nächsten! übet Gerechtigkeit! haltet das Haus heilig!" — immer klang es aus diesen Geboten als ein klarer Unterton hervor: „ihr sollt anders sein als die Heiden!" Als die grossen Lehrer Gamliel, Josua, Eleasar und Akiba in Rom waren, wo sie, wie der alte Bericht erzählt, es staunend mit ansahen, dass die Marmorsäulen, die toten Steine im Winter bekleidet wurden, um sie gegen Schnee und Frost zu schützen, und daneben arme Menschen frieren und verkommen konnten — musste ihnen nicht alles das gleichsam wieder zurufen: seid anders, euch ist eine andere Welt gegeben! f ' Und diese ganze Eigenart Israels hatte ihren idealen und doch gewissermassen sichtbaren Ausdruck in der Existenz der Bibel. Die heilige Schrift war durch das israelitische Volk geworden, und das israelitisc-he Volk war durch sie geworden. Wenn sie aufgerollt wurde, da erneuerte sich gleichsam, wie damals gesagt wurde, die Offenbarung vom Sinai, die Auserwählung Israels. In der Tat, in ihr machte sich die israelitische Welt kund gegenüber der heidnischen Welt. Musste da nicht dieses Buch, das solches zum Ausdruck brachte, so gross, so gewaltig und wundersam erscheinen, dass jedes noch so unbedeutende Wort in ihm zu reden anfing, dass selbst „die Häkchen und Tüpfel der Thora" zu sprechen schienen! Auch das Kleinste musste so seine Bedeutung erhalten, wenn es zur Thora gehören konnte, wenn es ein Steinchen in der Mauer zu sein vermochte, durch die das Judentum gegenüber dem Heidentum erhalten werden sollte. Das Kleine konnte und durfte jetzt neben dem Grossen stehen, die minutiöse Sabbatvorschrift neben den Geboten der Gerechtigkeit und der Liebe. Und auch seine Weihe hatte das Kleine; denn es gehörte ja hinein in die Welt der Bibel, in die Welt des Judentums, auch in ihm lebte das Grosse. Das erst gibt den rechten Massstab für die Würdigung der so reichen und so widerspruchsvollen Literatur, die den Namen Talmud führt. Sie hat ihre ganz bestimmte, sicher ausgeprägte Individualität, und darum steht über allen Widersprüchen die Harmonie. Auch die „Häkchen und Tüpfel der Thora" gehören in sie hinein; sie gehören so sehr in sie hinein, dass sie im Mittelalter, als die jüdische Religionsphilosophie eine neue Welt in der Bibel entdeckte, wiederum und in neuen Tönen zu sprechen begannen. Fremdartig und rätselhaft will uns heut so manches von alledem erscheinen, aber alles Eigenartige ist schliesslich so. Wäre es nicht geheimnisvoll, dann wäre es nicht von eigener Art.