Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Date
1905-09-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583940--05419-2592640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseile. Alle Rechte vorbehalten. Heft 9 September 1905 T. Jahrg. DAS KLEINE UND DAS GROSSE. Von Dr. L. Baeck, Oppeln. Je höher der Mensch aufgestiegen ist, desto weniger passt er in die bestimmten Linien und Umrisse hinein, in denen jede Zeit gern ein für allemal die Grenzen seelischer Art, die Gebiete des Vereinbaren und Unvereinbaren festlegen möchte. Jede grosse historische Gestalt stellt eine eigene Kategorie dar. Sie bringt etwas Besonderes, etwas, was bis dahin unbekannt war, zur Wissenschaft von der menschlichen Seele herzu. Sie ist anders als alle die übrigen. Aber das wird leicht vergessen; grosse Erscheinungen werden oft von der Kritik in die methodischen Regeln der Gegenwart hineingezwängt. Dann gehen sie natürlich verkrümmt, verkürzt und verschroben aus diesem Prokrustesbett hervor. Ganz besonders die Beurteilung des Judentums hat häufig unter den Zwangsbestimmungen seelischer Einheitlichkeit und geschichtlicher Gesetzmässigkeit leiden müssen. Unsere wissenschaftliche Terminologie ist zu einem wesentlichen Teil durch die christliche Scholastik und die än sie sich anschliessende Logik gestaltet worden. Mancher Fachbegriff ist ganz eigentlich auf die abendländische Geschichte, ihre Ereignisse, ihre Grenzen und ihre Ziele zugeschnitten. Er passt auf dieses bestimmte Kulturgebiet allein und kann Beziehungen und Verhältnisse, die auf anderen Voraussetzungen beruhen, nur unvollkommen decken. Um ein Beispiel anzuführen: die disparaten, sich kreuzenden Begriffe der Nationalität und der Glaubensgemeinschaft, als der beiden wichtigsten Formen grossen geistigen Zusammenhanges, sind aus dem Leben der europäischen Völker abgeleitet und passen, streng genommen, bloss hierauf. Nichtsdestoweniger wird Nachdruck verboten. häufig ohne weiteres auch für die israelitische Gesamtheit die bekannte Frage aufgestellt: Nationalität oder Glaubensgemeinschaft? Es wird ganz ausser acht gelassen, dass das Judentum eine Kategorie für sich bildet, etwas sui generis ist, etwas, worauf sich die einer ganz anderen Entwickelung entnommenen Begriffe von Nationalität und Glaubensgemeinschaft gar nicht anwenden lassen. Das Judentum ist eine besondere Art für sich und findet darum unter jenem Entweder-Oder keinen Platz. Und ebenso verhält es sich mit den Fragen, ob der Glaube Israels Volks- oder Weltreligion, Gesetzes- oder Glaubensreligion gewesen sei u. dergi. mehr. Was sich in der Psyche manches Gelehrten unserer Tage nicht vertragen zu wollen scheint, konnte sich in der, vielleicht grösseren, Seele eines Propheten, eines Psalmisten oder eines der Weisen Israels sehr wohl vereinen. Innerhalb des Judentums wiederum ist es seit langem vor allem der Talmud, der von seinen Gegnern nicht in dieser Sonderart begriffen wird. Er ist, ganz wie die Bibel, eine Welt für sich — nicht nur ein Buch neben anderen, sondern ein ganzer, bestimmter Literaturzweig. Es ist wahr, er bietet dem Denken und Auffassen, das durch das allgemeine Schrifttum der Gegenwart erzogen ist, mancherlei Schwierigkeiten; es ist nicht leicht, sich in ihn so hineinzudenken, dass man mit ihm denkt. Er enthält in jeder seiner Schichten, von der primären bis zur tertiären hin, die grössten Gegensätze. Wir sehen in ihm das Höchste und Erhabenste: die Religion kann nicht mehr verinnerlicht, die Ethik nicht mehr geläutert werden, als es hier geschieht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.