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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 521 - 522

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
Date
1905-07-01
Page
Seite 521 - 522 (sequence 2)
Language
German
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521 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 522 Als Israel Fuhrmanns Todesstunde kam, wurde im Himmel festgestellt, dass er keine Sünde im Leben unterlassen hatte. Wie sollte man da diesen Menschen einem solchen Gerechten zum Gefährten geben? Allein dieser trat vor Gottes Thron hin, hielt Fürsprache für den Fuhrmann, gedachte seiner Tat und aller Gebete und Büssungen, die er selber der Seele seines Retters geopfert. Vor dem Fuhrmann taten sich also unverzüglich die Pforten des Paradieses auf. Aber der Fuhrmann sagte: „Was soll ich mich da in diesem Paradiese langweilen? Beten und Thorah lernen, wie die anderen hier, kann ich nicht." Man brachte ihm also sein Gespann hin, das er antreibt, um sich derart die Zeit zu verkürzen. Mit dem Anhören dieser seltsamen Geschichte verbrachte ich all die Zeit, da ihr mich in Gedanken versunken saht. Anmerkung. R. Meirel Promyslaner (Mei'r von Przemyslany, einem kleinen Städtchen in Ostgalizien), der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts verstarb, war eine der merkwürdigsten Gestalten des späteren Chassidismus. Die meisten von ihm überlieferten Wundergeschichten kleiden einen zarten und tiefen Gedanken in das Gewand einer derben Phantastik, vermengt mit einem gewissen Humor, wobei allerdings der Humor für unseren Geschmack manchmal unfreiwillig wirkt. Er war ein fröhlicher Asket, masslos im Wohltun und ein Freund der Armut. Seinen Nachkommen hinferliess er den Segen, dass sie immerdar arm bleiben sollen. Er war ein Freund und Beschützer namentlich der unteren Schichten der Bevölkerung „ohne Unterschied der Konfession", wie unsere moderne Phrase lautet. Seine Reden durchllocht er häufig mit ruthenischen und polnischen Sprichwörtern. Mehrere seiner Wundergeschichten finden sich in der chassidischen Legendenliteratur verzeichnet. Eine dieser Geschichten, welche erzählt, wie er einem kinderlosen Christen beim Himmel Nachkommenschaft erflehte, schliesst mit folgendem Passus in jenem dieser Literatur eigenen formlosen Hebräisch: „Daraus können wir die Moral entnehmen, dass der Rabbi, sein Andenken sei gesegnet, auch Nichtjuden gleich den Juden beschirmte. Er machte keinen Unterschied und sagte nicht etwa, „ich werde Juden vorziehen, weil sie Kinder meines Glaubens sind", sondern auch Nichtjuden beschützte er. Und das lernte er von Gott. „Denn Du erhörst die Gebete jeglichen Mundes." Und es gibt keinen Unterschied zwischen den Bekennern des einen Glaubens und denen eines anderen, denn der barmherzige Gott braucht nur das Herz." „Denn Du erhörst die Gebete jeglichen Mundes1* ist ein Passus aus dem Achtzehngebet. „Der barmherzige Gott braucht nur das Herz" ist ein Satz aus dem Talmud (Synhedrin 106b), welchen schon Maimonides zur Begründung desselben Gedankens anführt. ZEHNTER DEUTSCH-ISRAELITISCHER GEMEINDETAG. 12. und 13. Ueber de.m Eingang des entzückenden Logenhauses der Frankfurt-Loge grüsst in Stein gemeisselt das Emblem des Bne-Bris-Ordens: Zwei Hände innig verschlungen zum freundschaftlichen Druck. Das ist das Wahl zeichen, das auch dem in Frankfurt tagenden zehnten Gemeindetag sein Gepräge gab: Loge und Gemeindebund, Nord- und Süddeutschland, Professor und Kaufmann, Lehrer und Rabbiner, alles in idealer Hingabe und opferfreudiger Begeisterung um das eine grosse Banner des Judentums geschart, das kraftvoller als in vergangenen Jahrzehnten sich zu entfalten beginnt. Diese Stimmung beherrschte die Verhandlungen. Wohl prallten die Gegensätze bisweilen hart aufeinander, wohl erscholl von hüben und drüben mancher Kampfesruf, aber siegreich über Interesse, Leidenschaft und Verstimmung brach sich die Friedensstimmung Bahn und das Gefühl der notwendigen moralischen Selbstbeschränkung. „Ich bezeuge es hier laut und öffentlich" rief der charaktervolle und nobelgesinnte Hirsch-Halbersiadt, der Vertreter des traditionellen Judentums, der Versammlung zu, „dass hier nichts vorgetragen wurde und dass in der ganzen Leitung des Gemeindebundes nichts vorgekommen ist, was der traditionellen Richtung des Judentums zu Misstrauen Anlass geben könnte." Beim Festmahl des Abends, welches die Frankfurter jüdische Gemeinde dem Gemeindetag gab, kam dieses Gefühl gemeinsam verbindender Ideale, das sehnsuchtsvolle Rufen nach Frieden im; Judentum zu Juni 1905. ganz besonders lebhaftem Ausdruck. Geheimrat Professor Rosin in seiner gedankenreicher Tischrede und Rabbiner Horovitz - Frankfurt in seinem klugen, von Humor und Temperament übersprudelnden Toaste, feierten die Begeisterung und die Einigkeit, die dem Judentum so bitter notwendig sind, und die allein es stark und gross machen. Drei Gegenstände der Tagesordnung nahmen vor allem das Interesse in Anspruch und bildeten den Hauptteil der zweitägigen Verhandlungen. 1. Der l^stündige Vortrag des Geheimrat Professor Rosin über die Probleme und Ideen zur Organisation der preussischen Juden. 2. Die Debatten über Religionsunterricht im Anschluss an ein Referat des Professor Blaschke. 3. Die Debatten über Einrichtung von Bezirksrabbinaten. Mit dem Vortrag Rosins, der an die Spitze der Tagesordnung gestellt war, erhob sich die ganze Tagung gleich zu Anfang zu einer das gewöhnliche weit überragenden geistigen Höhe und Bedeutung. Scharf und klar traten, von der Meisterhand des berühmten Rechtslehrers enthüllt, die Probleme hervor, um die es sich bei der Rechtsordnung der preussischen Juden handelt; und von überzeugender Kraft, zugleich realistisch und idealistisch, vom historisch Gegebenen und in Wirklichkeit zu Erreichenden ausgehend, aber das Gegebene zur höchsten erreichbaren Höhe ausbauend, waren die Ideen zur Lösung der Probleme.

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