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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. [Seite]

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Date
1905-07-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingurigen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 7/8 Juli/August 1905 V. Jahrg. RASCHI. Nachdruck verbotei Von Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, Wien. Am 29. Tammus, 1. August d. J. jährt sich der Todestag Raschis zum achthundertsten Male. Wer ist Raschi? Vor hundert Jahren wäre diese Frage unter den Juden so unmöglich gewesen, wie heute in Deutschland die Frage: Wer ist Schiller? Ja, Raschi war bei den Juden populärer, als es selbst heutzutage Schiller in Deutschland ist. Es hat wohl überhaupt früher keinen Juden und keine Jüdin gegeben, die den Namen Raschi nicht kannten und mit Verehrung aussprachen. Das ist nun anders geworden und die Frage: Wer ist Raschi? ist leider nicht selten. Wir wollen versuchen, sie zu beantworten. Raschi (eine Kontraktion aus Rabbi Schlomoh Iizchaki) erblickte im Jahre 1040 in Troyes in Nordfrankreich, einer kleinen Stadt an der Seine, in der zweihundert Jahre später auch der nachmalige Papst Urban IV. als der Sohn eines Schusters geboren wurde, das Licht der Welt. Seine Lebensgeschichte bietet kein bemerkenswertes Datum. Er hatte keine Söhne, aber zwei seiner Enkel, R. Samuel ben Meir (Raschbam) und Jakob Tarn, bilden mit dem Grossvater zusammen ein Dreigestirn, das dem Zeitraum, den ihr Leben ausfüllt, sein Licht verleiht und ihn dadurch zum glänzendsten des mittelalterlichen Judentums im nördlichen Europa gestaltet. Um so dunkler ist dieser Zeitraum von der weltgeschichtlichen Seite betrachtet. Denn in denselben fällt der erste Kreuzzug (1096) mit seinen Judenschlachten, denen ganze jüdische Gemeinden den Rhein entlang zum Opfer fielen, von deren Blute seine Wogen erröteten. Von den Kreuzfahrern, die solche Untaten begingen, kann man das nicht sagen. Wollte man sie als Menschen charakterisieren, so könnte man nur von ihnen sagen, was die Bibel von Adam und Eva sagt: „Sie schämten sich nicht." In dieser Zeit, die eines der traurigsten Blätter in der Geschichte der Menschheit bildet, leuchtete und betätigte sich, hoch erhaben über den damaligen Zeitgeist, der Geist Raschis. Raschis Bedeutung lässt sich in ein paar' Worten zusammenfassen. Aber man könnte Bände über ihn schreiben und würde seine Bedeutung dennoch nicht erschöpfen. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich durch die Natur seines literarischen Hauptwerks. Das ist der Kommentar zur Bibel und zum Talmud. Darin ist er einzig. Man hat ihm deshalb den Namen „Parschandata" (wie einer der Söhne Flamans hiess) beigelegt, und ihn dadurch als den „Erklärer des Gesetzes" par excellence bezeichnet. Obgleich nun ein Kommentar keine originelle Leistung, keine selbständige Schöpfung ist, also auch nicht als ein Produkt genialer Erfindung und Konzeption bezeichnet werden kann, so ist doch der Kommentar Raschis dadurch, dass er mit den Grundschriften der Religion verknüpft ist, und ferner durch seine inhaltliche und formale Gestaltung zu einer Bedeutung gelangt an die kein anderes, durch Originalität und Darstellung noch so sehr hervorragendes rabhinisches Literaturwerk hinanreicht. Sprechen wir zuerst von dem Inhalt des Raschikommentars. Man ist zu der Annahme

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