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Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 363 - 364

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Die Taufseuche in Wien
Date
1905-06-01
Page
Seite 363 - 364 (sequence 2)
Language
German
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363 Die Taufseuche in Wien. 364 ihre Kinder taufen lassen. In Wien kann man es erleben, dass, wenn man es wagt, in öffentlicher Versammlung das Blutmärchen als lügenhafte Verleumdung zu bezeichnen, der Sohn einer getauften Jüdin herkommt und den Redner beim. Staatsanwalt wegen Beschimpfung der katholischen Kirche denunziert. In Wien darf man die schale und verlogene Komödie aufführen, Mass man ein Jammergeschrei erhebt, wenn irgendwo in Galizien ein Dorfmädchen in Nacht und Nebel ihren Eltern entläuft, um sich an einen Bauernburschen zu hängen — während die eigenen Söhne und Töchter bei hellem Tage, von den Eltern geleitet, zum Taulbecken eilen oder den Sprung ins Konfessionslose machen, um eine „christliche Partie" zu erreichen und in der „guten" Gesellschaft veikehren zu können. In Wien durfte ein Mann, der angeblich die Interessen des Judentums im Reichsrat vertrat, vor versammeltem Hause erklären, dass ein Wiener Jude sich nie so glücklich schätzt, als wenn eine christliche Maid ihm die Hand zum Lebensbunde zu reichen geruht. Man gilt in Wien nicht als vornehm, man wird gesellschaftlich nicht als „voll" genommen, wenn man nicht wenigstens einen Getauften in der Familie hat. Und. von Wien aus verbreitet sich die Seuche der. Treulosigkeit und des Abfalles über die ganze Monarchie, ja bis weit nach dem Osten hinaus, denn Wien gilt ja für jene Gegenden als das Kulturzentrum, woher man die neuesten Moden und die neuesten Gesinnungen bezieht. Mustert man die von der Statistik gelieferten Ziffern, die von fünfhundert, von sechshundert Juden: erzählen, welche hier in einem Jahre die jüdische Religion von sich getan haben, so könnte man auf den ersten Blick meinen, man habe es mit einer tiefen religiösen Gärung zu tun. Alle die Leute wären in ihrer geistigen Entwickelung an einem Punkte angelangt, wo die Lehre und Lebensanschauung des Judentums ihren seelischen Bedürfnissen nicht mehr genügten. Irrend und tastend suchten sie nach Befriedigung des Gemüts, nach Beruhigung und Gewissheit, die sie nur im Schosse der alleinseligmachenden Kirche fänden. Jeder tiefer veranlagte Mensch hat Respekt vor dem geistigen Ringen, auch wenn es zu Zielen hinführt, die er verwerfen muss. Was soll man aber von einer religiösen Ueberzeugung halten, die sich pünktlich zu der Jahreszeit einstellt, wo das Amtsblatt das Avancement der Offiziere und Beamten verkündet? Wie soll man eine Bekehrung achten, mit der die Ernennung zum Herrenhausmitgliede, die Verleihung eines Hofratstitels oder der Abschluss einer „glänzenden Partie" verbunden ist? Ein reich gewordener Kommis-voyageur, der Hoflieferant werden will, ein Bankdirektor, der Knopflochschmerzen hat, ein reiches Bierbrauertöchterlein, das gestern auf dem Industriellenball mit einem „Leutnant von" getanzt hat — sie erwachen eines schönen Morgens mit der Ueberzeugung, dass unsere Religion falsch ist, dass sie als Juden nimmer die ewige Seligkeit erreichen werden, dass das Judentum nichts als ein dreitausendjähriger Irrtum war. Es ist ihnen auf einmal das Licht aufgegangen. Sie halten es nicht länger aus, bis sie sich zum „wahren Glauben" bekennen. Strebertum, Frivolität, Gewissenlosigkeit, Lüsternheit und Eitelkeit treten hier als religionsbildende Faktoren auf. Kein Jude, welcher religiösen Richtung er immer angehören mag, wird anders als mit Achtung und Sympathie von dem christlichen Religionss}rstem in seinen mannigfaltigen Aeusserungsformen denken, und so schroff ■ er auch die christlichen Dogmen und Glaubenslehren ablehnen muss, so wird er doch denen, die sie aufrichtig bekennen, die sie von ihren Vätern als Leitsterne in den Wirrnissen des Lebens und der Welt überkommen haben, seinen Respekt nicht versagen. Aber um so tiefer muss der Widerwille, um so heftiger der Ekel sein, den ihm jene einflössen, welche die fremde Religion dazu missbrauchen und entweihen, um sich materielle Vorteile zu verschaffen, die ihnen sonst versagt bleiben würden; welche sich der christlichen Dogmen und Lehrsätze, die von Millionen und Millionen als ihr Heiligstes betrachtet werden, als Maske bedienen, um sich in Positionen einzuschleichen, zu denen der Weg ihnen sonst verschlossen bliebe. Feigheit und Schwäche verwehren ihnen, sich das Erstrebte mutig zu erkämpfen, und sie betören das Gewissen naivgläubiger christlicher Geistlicher, sprechen mit verlogenen Lippen ein Bekenntnis, das ihnen in der Seele fremd ist, das sie im Herzen verhöhnen, um sich das Begehrte zu erschwindeln. Denn es gehört die ganze naive Gläubigkeit von Mönchen, die zeitlebens in das Netz ihrer Dogmen eingesponnen waren, dazu,um zu wähnen, dass der Jude, welcher zu ihnen kommt, um sich taufen zu lassen, einem inneren religiösen Drange folgt, seinen Glauben abschwört, weil dieser ihm nicht genügt, und im Christentum die Besch wich-

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