Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Date
1905-06-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583938--05219-2592393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

OST^KeSTT ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^ FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 6 Juni 1905 V. Jahrg. Die Statistik hat gesprochen. Sie hat ausgerechnet, wieviele in diesem, wieviele in jenem Jahre dem Väterglauben den Rücken gekehrt haben an der schönen blauen Donau. Jeder kann die Schar der Abtrünnigen zählen, sie nach Rang, Beruf und Altersstufe gruppieren, und wer an müssigem Zahlenspiel seine Freude hat, mag die Ziffern-Kolonnen nebeneinander ordnen und vergleichen. Wer lange mitten im Leben stand und zusah, was rings um ihn herum geschah, der brauchte nicht erst die Resultate der offiziellen Statistik abzuwarten, um zu wissen, dass die Taufseuche in der modernen Gesellschaft um sich greift, sich beinahe in geometrischer Progression ausbreitet und zu einer Erscheinung geworden ist, die das Interesse des Sozialpathologen herausfordert. Ich will es versuchen, in objektiver Weise hier die Ursachen und die Folgen dieser Erscheinung darzulegen. Wenn ich mir Wien zum Objekt wähle, so will ich damit nicht etwa sagen, dass die Pathologie der Taufseuche sich in Berlin z. B. nicht ebensogut studieren Hesse. Ich wähle Wien bloss gleichsam als klinischen Fall, der umso interessanter erscheint, weil die Merkmale der Entartung sich da am vollkommensten ausprägen; überdies habe ich in langjähriger Beobachtung hier Gelegenheit gehabt, die Krankheit und deren Aetiologie genau zu studieren. Gleichwie Berlin in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts, so kann heutzutage Wien als der klassische Boden der Juden- DIE TAUFSEUCHE IN WIEN. taufen betrachtet werden. Eine zentrifugale Kraft hat sich gewisser Kreise in allen Schichten der Bevölkerung bemächtigt. Voran schreiten die „höheren" Klassen, die Stützen der Gesellschaft. Der Segen kommt ja stets von „oben". Wenn man an den Wänden der Wiener jüdischen Gemeindestube die Reihe der ehemaligen Gemeindepräsidenten mustert, deren Physiognomien hier zum ehrenden Andenken auf der Leinwand verewigt sind, so findet man nur noch ein paar, deren Nachkommen heute noch der jüdischen Gemeinde angehören. Kinder oder Kindeskinder der meisten sind — emigriert, haben die Reihen des Judentums verlassen, haben häufig sogar ihre Namen geändert, damit sie nur ja nicht an die „Schmach" gemahnt werden, dass ihr Ahn — dem sie ihren Wohlstand und ihre soziale Stellung verdanken — einmal an der Spitze der ersten jüdischen Gemeinde der Monarchie gestanden hat. In Wien durfte man Präsident der jüdischen Gemeinde sein, oder Präsident einer Organisation, die angeblich die Erlösung und den Schutz des ganzen jüdischen Volkes auf ihre Fahne geschrieben, man durfte die Rabbiner bevormunden und mit plumper Hand den Gottesdienst reformieren wollen — obgleich man seine Tochter oder seine Nichte zum Taufbecken geführt, damit sie irgend ein überseeisches Gräflein heirate. In Wien kann man Söhne berühmter jüdischer Kanzelredner und Gelehrter sehen, die am Grabe ihres Vaters das Kaddischgebet nicht zu rezitieren wussten und draussen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.