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Ost und West · 1905-05-01 · Heft 5 (Mai 1905) · p. Seite 337 - 338

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 5 (Mai 1905)
Article
Die Verstoßene
Date
1905-05-01
Page
Seite 337 - 338 (sequence 2)
Language
German
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337 E. Müller: Die Verstossene. 338 fort zu ihnen, zu unseren Feinden. Geflohen war sie am Schewuoth, dem Feste unserer Thora, damals war sie fort — — Alles zieht vorbei, nur die Zeit nicht. Aus Glück und Unglück, aus Gutem und Schlimmem, wir gehen weiter und weiter bis an jenen Oit, wo alles vergessen wird — oder aufs neue aufsteigt. Alles, was wir durchlebt haben, bleibt unter uns liegen gleich Steinen auf einem begangenen Weg — wie Grabsteine auf dem Wege, wo wir begraben — gute und schlimme Freunde. Aber Channe kann ich nicht vergessen. Das Leben, welchem sie nachlief, hat sie rasch zurückgeworfen, machte ihr erhofftes Glück verblühen und verwelken, die Rosen, zu Ende geträumt, wurden brennende Dornen. Zurück konnte sie nicht. Auf dem Wege stand das Gesetz und standen — zwei Gräber, Vaters und Mutters Grab. Wo ist sie? Jeden Schewuoth-Abend zeigt sie sich mir. — — Sie zeigt sich von der Gasse her, stellt sich zum Fenster, obgleich sie sich ängstigt. Oder hat sie keine Kraft, in eine jüdische Stube zu treten? Mit weit aufgerissenen Augen blickt sie in die Stube herein und sieht nur mich. — — Mit Angst, Flehen und Zorn blickt sie auf mich — ich verstehe sie. „Wo sind sie?" fragt sie voll Angst. „Verzeiht mir", sagt sie mit Flehen. Und mit Zorn beschuldigt sie uns ob all ihres Vergehens. „Was wusst' ich von Eurem blutigen Kampfe mit jenen? Du hast es gewusst, hast es im Gheder gelernt. Meine Bücher haben mir kein Wort davon gesagt. Bei Euch in der Stube hab' ich ein fremdes Leben gelebt, ein fremdes, schönes Leben, das sich tausendmal schöner in den Büchern spiegelte. Hab' ich etwas verraten, betrogen? Ich hab5 nur süssen Safranteig mit anderen Süssigkeiten vertauscht. Geschichtlein von Mutters „Geht hin und schauet" mit viel schöneren Lebensgeschichten, ein wenig Grün vom Boden mit dem freien, frischen Grün in Wald und Feld, Erbauungen mit Romanen, das enge, dumpfe, verhämmerte Leben mit Sonne und Blumen, mit Freude und Liebe. — — — Euch hab' ich nicht verraten, ich hab' Euch nicht gekannt, von Euren Schmerzen nichts gewusst. Ihr habt mir von Euch kein Wort gesprochen. Warum habt Ihr mir von Eurer Liebe nicht erzählt, von Eurer Liebe, die von Eurem Blute lebt? Warum habt Ihr mir nicht gesprochen von Eurer Schönheit, von Eurer ewigen, blutenden Schönheit? Das Schöne, das Liebe, das Hohe, das furchtbar Hohe habt Ihr in Euch verschlossen, Ihr Männer, bei Euch behalten. Und von mir, von uns, die sich mit ihrem Fleisch und Blut, mit all ihrer Jugend nach der Kraft des Lebens drängten, von uns verlangt Ihr — Butter, Kuchen, süssen Teig." „Uns habt Ihr Verstössen.4* — So sprach sie. Richten mag sie er, der erhaben ist über alle Völker, ihren verworrenen Kampf und blutigen Streit. Der (Dofaiöe Ueberfetjt nacb dem bebräifeben Oric O 5err, in Taten furchtbar, tief im Ratfcblufc! Viel bajt du ausgeführt, wer tut öesgleicben? Wo, aufoer dir, ein Gott, öer Wunöer würfce? Sab'n wir Jahrhunderte hindurch kein 3eicben - Wir hoffen öennoeb fie, der Vorwelt glaubend! Du kannft, fobalb bu willft! Wir felbft find oeugen. Hocbt ift öein Rat, Dein Wunöer fcbliefct ein Siegel, Bevor du'5 öem geweihten Seher löfeft! Das kommende, wer kann's 3Uvor verkünden? „leb tilg' ihr gan3 Gefcblecbt an Strom," [pradD pbaro. Der Rbgrund fpracb: „In mir wohnt ihnen ßilfe! Dem Strome felbft entfteiget ihr erretter!" €in Rnabe, bolb und lieblicb, ftrablt öer Crde, (Dit Weisheit überftrömet er die Völker; 5war auf des Würrichs Wort fdDon an den Pforten Des Todes; feine 5reund% um ihn vom Sturse 3u retten, allöu fdDwacb; fein Vater weinend, Ver3vveifelnd; feine (Dutter trägt 3um Tod' ihn. 3weiter 6efang. nal von profeffor Spalding. Berlin 1795. €in (Dädcben febön an Seele, febön von flntlirj. Dem Greuel ßeiligkeit, und Rei3 dem Scbeufal, Glüd* Böfem, Bitterem Süfees abgewinnen — Wer kann's als du, des ßand den föimmel wölbte. - Wo dringt des Weifen Blick bis an das €nöe. €in kaum Geborener, yerftecht im Schilfe — Dem keiner gleicht von deinen taufend Sehern! Du 3ürneft 5war, allein du 3Ürnft nidDt ewig! Cr, den dein Schrecken beugt, erbebt die Stirne, Das Volk, einft Sklaven, fab deine ßerrlicbkeit. Dein Blick verliefe das Glend Jakobs nimmer, Vorlängft bereiteteft du feinen Retter Von dem Barbaren, der fein Blut wie Wein trank. O lebre, nid)t unwürdig deiner ßobeit, (Dieb fingen, was für deinen I^necbt du tateft, Seit er fieb aus dem Scbofc der COutter loswand. Der gift'gen Wurzel, die der (Dörder pflan3te, £ntblübt ein bolder Stamm, der Weibraucb fproffet: Als Jakobs (Dut nun fank, kein <3eift fid:> mehr erhob, Sein Weib ein jeder floh, verfebmäbt die SdDönften klagten;

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