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Ost und West · 1905-04-01 · Heft 4 (April 1905) · p. Seite 287 - 288

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 4 (April 1905)
Article
Judentum und moderne Weltanschauung. Rezension / Zucker, L.
Date
1905-04-01
Page
Seite 287 - 288 (sequence 2)
Language
German
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287 Literarisches, Miscellen. 288 Kultur propagiert wird. Der Verfasser bekundet eine tiefe und allseitige Kenntnis des Judentums und namentlich der jüdischenPhilosopheme sowie eine vorzügliche Vertrautheit mit der modernen Philosophie und eine selbständige Auffassung ihrer Resultate. In gediegenen und doch gemeinverständlichen Ausführungen weist er nach, dass das Judentum sich mit der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung, insbesondere mit der Evolutionstheorie sehr wohl vereinbaren lässt, dagegen den materialistischen Mechanismus, der aber nur Metaphysik, graue Theorie ist, ablehnen muss. Ebenso steht das Judentum einer pantheistischen Weltanschauung nicht feindlich gegenüber, pantheistische Anklänge finden sich schon in alten jüdischen Schriften und auch bei mittelalterlichen jüdischen Denkern. Das Judentum betont aber die Transzendeuz und Persönlichkeit Gottes und verwirft nur jenen radikalen Pantheismus, der Gott die Attribute der Persönlichkeit: Selbstbewusstsein und Freiheit abspricht, und den schon Goethe grimmig verhöhnte mit den Worten: „Der Herr Professor ist eine Person, Gott ist keine." Dem lebenverneinenden, greisenhaften Pessimismus stellt das Judentum seinen schaffensfrohen, das Böse bekämpfenden und überwindenden Optimismus entgegen, der nicht, wie Schopenhauer meint, einem Uebersehen und Verkennen des Weltleids entspringt. Es genügt ja, das Buch Job und die Psalmen zu lesen, um sich zu überzeugen, dass schon das alte Judentum den Weltschmerz tief empfand und ihm ergreifenden Ausdruck verlieh. Aber das Judentum verkündet den Glauben an den endlichen Sieg des Guten, nach dessen Verwirklichung auf Erden der Mensch unablässig streben solle. Wenn Nietzsche lehrt, der Mensch sei etwas, was man überwinden müsse, so halte dem das Judentum entgegen, der Unmensch, der Untermensch sei etwas, was überwunden werden müsse, überwunden durch die Idee der Gerechtigkeit, der Demut und der Güte. Nietzsche irrte, wenn er meinte, der von ihm sogenannte Sklavenaufstand in der Moral, den das Judentum herbeigeführt habe, sei schon verwirklicht und die Herrenmoral gestürzt worden. Im Gegenteil, dem Judentum bleibt noch eine grosse Arbeit zu verrichten, um seinen Ideen auch in der Welt der Wirklichkeit zur Geltung zu verhelfen. Ebenso interessant und lehrreich ist die Auseinandersetzung mit der ethischen Kultur, deren Bedeutung der Verfasser übrigens vollauf würdigt. Jedem, der nach einer Klärung und Vertiefung der Ideen des Judentums ringt, sei das geistvolle Buch aufs wärmste empfohlen. Lector. Die stille Stadt. Roman von Richard Huldschiner. Berlin 1904. Egon Fleischel & Co. Um es kurz zu machen: Huldschiners neues Buch ist ein Kunstwerk. Viel Handlung ist zwar nicht darin, dagegen verfügt es aber über den Vorzug, von einem wirklichen Dichter zu stammen. Der beste Beweis hierfür sind die Gestalten des Romans selbst. Durchweg sind sie Idealisten; meist Träumer, wenn nicht gar Sonderlinge. Seele ist ihnen gegeben, doch fehlt ihnen das Körperliche. Dazu kommt das Milieu, in dem jene Personen den Mittelpunkt bilden. „Die stille Stadt", ist das herrliche Bozen Tirols mit seiner malerischen Umgebung. Trotzdem der Autor vor allem Wert auf die dichterische Ausgestaltung seiner Arbeit gelegt hat, Hess er es sich nicht nehmen, in ihr das Judentum anderen Bekenntnissen gegenüberzustellen. Und wenn uns die Schilderung der seelischen Liebesbeziehungen des jüdischen Schwärmers Elias Mercan zu der romantisch veranlagten Dulderin Eva Kröger persönlich nicht ergreifen mag, so liegt doch über dem Ganzen ein poetischer Hauch verträumter Schwermut, den uns die Sprache Huldschiners in ihrer vollen Schönheit verstehen lässt. L. Zucker. * * * Die Zeichnungen „Aufräumung des Gesäuerten" und „An der Sedertafel" in diesem tiefte, sowie die auf Seite 171—172 des letzten Heftes entnehmen wir einem merkwürdigen, sehr seltenen alten Buche, welches uns von dem Buchhändler Herrn Louis Lamm, Berlin, in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt wurde. Es betitelt sich: „Eigentliche Beschreibung der auswendigen Gottesdienstlichen Kirchen-Gebräuchen und Gewohnheiten der Juden. Verfasset theils in historischen Abhandlungen, theils in zierlichen Figuren. Nach Bernhard Picart aus dem Französischen, nach Abraham Moubach aus dem Nieder-Deutschen übersetzt und abgekürzt von Johann Baptist Ott. In Kosten und Verlag David Herrlibergers, Zürich. Gedruckt bey Conrad Orell & Comp. MDC u. XXXIX." Auf zwölf schönen Kupfertafeln werden alte religiöse Bräuche, sowohl sephardische als deutsche in guter Ausführung dargestellt. Der stattliche Band enthält ausserdem eine Beschreibung und bildliche Darstellung der Riten sämtlicher christlicher Kirchen, des Islams sowie der Urreligionen der asiatischen und amerikanischen Kulturvölker. Abonnementspreis für das Jahr in Deutschland und Oesterreich Mark 7,— (Luxusausgabe Mark 14,—), für das Ausland Mark 8,— (Luxusausgabe Mark 16,—). für Russland ganzjährlich 4 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. ___________Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen ___ ~ - Reiches unter No. 5785a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. "~" Anzeigen 75 Pfennig die -viergespaltene Petitzeile, grössere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Gesuche und -Angebote zum halben Preise. Adresse für die gesamte Korrespondenz: Verlag „Ost und West", G. m. b. H., Berlin NW. 23, Altonaerstr. 36. Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. — Verlag Ost und West, G. m. b. H., Berlin NW. 23. Druck von Pass & Garleb G. m. b. H., Berlin W. 35.

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