Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-04-01 · Heft 4 (April 1905) · p. Seite 263 - 264

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 4 (April 1905)
Article
Andacht
Date
1905-04-01
Page
Seite 263 - 264 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583936-2592056--05093-2592132
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

263 Joachim Friedenthal: Andacht. 264 Aber er war nur ein Knabe. Und deshalb durfte er noch träumen, solch Märchendinge träumen. Märchendinge! O, er wollte sie zur Wahrheit machen. Er wollte diesen Traum vom Leben in die Wirklichkeit setzen. Sie sollten in Bewunderung fallen vor diesem Machtvollen, das sie zu kennen meinten und doch nicht wussten zu nehmen. Es sollte heilig und rein und natürlich werden, dieses Leben, das sie bis jetzt so schmutzig und schändlich verbrachten, von dem sie nicht wussten, dass es von Gott gekommen sei und deshalb heilig. Und darum gingen sie soviel in den Tempel und lobten ihren Gott, damit sie es nicht erkannten? — Kamen sie nicht herein, während Sünde und Schmutz noch in ihren Augen, in ihrer Seele klebten, und sie murmelten Gebete und murmelten Gebete, aber reinigten sich nicht! — Und des Knaben glänzendes Aug' suchte dort hinter dem hüllenden Vorhang mit den stolzen Löwen und ehernen Tafeln die Reinigung, die grosse Reinigung, die herabkommen musste zu den Menschen, auf dass sie das heilige Leben als Reine berühren durften, als Priester im weissen, unbefleckten Talar . . . Phantastisch, unbestimmt, in Nebelbildern mit Sonnenglanz darauf, zogen sich diese Träume durch die Seele des Jünglings hin. Wenn er dahinsah auf diesen Vorhang, so war es ihm oft, als wenn er, wie in vergangenen Jahrhunderten die Priester, die Opferfeuer, die reine Flamme, dem grossen Gott anzünde und schüre, selbst ein Priester, und als ob ein Geist göttlicher Kraft in ihn einzöge und seiner Seele die Schwingen hebe und sie trage auf nie betretene Höhen des Lebens, von wo herabstrahle selige Offenbarung. — Das waren so seine kindlich göttlichen, törichten Träume gewesen. Als dann das Leben kam, wie es wirklich war, und ihn rauh und brutal anfasste und ihn angrinste in tausend hässlichen Verzerrungen und -teuflisch spöttischen Zügen, da waren seine Träume zerronnen wie Reif in warmer Frühlingsnacht, der zu Schmutz dann wird, zu hässlichem, erbärmlichem Schmutz, in dem man herumtritt. So war es auch seinen Träumen gegangen, und das Leben trat weidlich in ihnen herum wie ein grober, ungeschlachter Riese. Und er war wissend geworden. Darum sah er nicht mehr erzürnt auf die, die mit Sünden und Kot in der Seele in den Tempel kamen und den hohen Gott anriefen. Er verstand sie, dass sie sich retteten vor dem Ungetüm da draussen, das sie verfolgte und an ihnen zerrte und riss, wie sie sich bargen und zu ihrem Gott flehten und nicht von ihm lassen wollten, denn sie hatten ja nichts anderes ausser ihm. Er verstand diese Menschen, die so knechtisch waren, dass sie ihren Gott mehr fürchten taten als liebten. Die sich müde kämpften, o, so müde, so müde, dass sie sich freuten auf die Zuflucht, die ihnen ward, die so müde waren, so alt, so schwach, weil Jahrhunderte, Jahrtausende ihres Volkes auf ihren gekrümmten Schultern lasteten und drückten mit ihren Taten und ihren Sünden. Die so matt waren, dass sie sich fürchteten vor jedem Neuen, das vielleicht ihre mühsam errungene Ruhe stören, ihren Glauben erschüttern würde, die sich davor einschlössen und abschlössen. Er verstand sie und verzieh ihnen. Die konnten nicht anders. Nur ein grosses Mitleiden schluchzte in seinem Herzen um sie, ein Mitleiden, das nie aufhören wird bei den Edlen und Guten, solange die Welt ist, denn wenn das Mitleiden aufhört, dann hört auch das Leben auf. — Wenn er jetzt als Mann die Decke zurückzog, dahinter er so herrliche, kühne Träume vermutet, dann umspielte ein wehes Lächeln die Lippen. Aber er küsste doch voll Inbrunst diese Rollen, die nicht das Leben bringen, aber vom Leben sprechen, von vergangenem Leben, wo Kampf war und Glück und Not und Liebe und Hass und Sieg und Kampf, Kampf und Suchen . . . Suchen, irres, verzweiüungsvolles Suchen. Und Finden? — Ach! Ewiges, ewiges Suchen, solange Seelen menschlich sind ... In der fremde* Die Sonne giesst der» 3Hein des Lebens Hus ihrer Schale nicht vergebens: Die ßalme füllen sich mit Saft, 6s strotzt von Kraft der Leidenschaft, Die Käfer wetzen ihre Schwingen, Die Drosseln in den Kronen singen. Hus fernen hör ich Sicheln klirren, Und rings, wohin die Blicke irren, 6in Leben, ]Nebmen und Geniessen, Hls sollt es ewig blühn und spriessen. Da tauch' ich in des Lebens fluten Und fühl' es, tief im F>erzen gluten Und weiss, es spinnt sein goldnes ßand dm mich und dieses früblingsland Und weht mir eine Liebe her Zu diesem Lande segenschwer, TSXxc wenn es meine fieimat war* ♦ . . 3CUen. JVI. Scherlag.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.