Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-04-01 · Heft 4 (April 1905) · p. Seite 261 - 262

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 4 (April 1905)
Article
Persönliches über Julius Fürst
Date
1905-04-01
Page
Seite 261 - 262 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583936-2592051--05082-2592131
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

261 Livius Fürst: Persönliches über Julius Fürst. 262 Schmiedel in Wien nach Fürst's Tode hielt. In der Tat kam, als er dahingeschieden, die allseitige Hochschätzung und Teilnahme zum erhebendsten Ausdruck. Unwillkürlich musste man sich dabei des Goetheschen Ausspruchs erinnern: „Was dem Manne das Leben nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben." — Denn es wurde ihm eine Leichenfeier veranstaltet, von so eigenartigem, zugleich rituellem wie interkonfessionellem Charakter, wie sie Leipzig bis dahin nicht gesehen hatte. Kamens der israelitischen Gemeinde hatten Kohner, Nachod, Werthauer und andere seiner treuen Verehrer die würdigste Gestaltung der Feier in die Hand genommen. Im Trauerhause betonte Kohner die politische und soziale Bedeutung des Verewigten, der nicht wenig zur Beseitigung der Vorurteile gegen seine Glaubensgenossen und zu deren Hebung in der öffentlichen Meinung beigetragen habe. Darum werde sein Andenken in den dankbaren Herzen aller Juden und namentlich derjenigen der hiesigen Stadt fortleben und es die Gemeinde für heilige Pflicht halten, die Erinnerung an ihn treu zu bewahren. Ein imposanter Zug, in welchem Chargierte sämtlicher akademischer Verbindungen Leipzigs mit der Fahne der philosophischen Fakultät dem Leichenwagen voranschritten und sehr viele seiner Anhänger und Freunde folgten, begab sich durch die Stadt nach der im Trauerschmuck prangenden Synagoge, wo der mit Kränzen 'bedeckte Sarg auf dem Altarplatze niedergesetzt wurde. Vertreter der Regierung (v. Burgsdorff und mehrere seiner Räte), die städtischen Behörden, Professoren (unter ihnen Delitzsch, Krehl, Wuttke, Zarneke) erwiesen ihm hier die letzte Ehre. Nach einem Gesang des Universitäts-Gesangvereins Paulus unter Prof. Langers Leitung schilderte der Prediger der Gemeinde, Dr. Goldschmidt, in bewegten Worten, zum Teil aus eigenem Miterlebten, wie sich der nun Dahingegangene aus mühevollen Anfängen durch rastloses geistiges Streben, durch hohe sittliche Kraft emporgerungen, wie er, unbekümmert um äussere Erfolge, lediglich in der Liebe zur Wissenschaft sein Genüge gefunden. Hieran schloss der Dresdner Ober- Rabbiner, Dr. Landau, ein Gebet, und durch den Synagogen - Gesangverein „Psalterion" (Dirig. Prof. Judas söhn) wurde die Feier mit einem Liede beendigt. Draussen aber am Grabe erinnerte Landau, nochmals das Wort ergreifend, daran, dass der jetzt zur Ruhe Getragene der vornehme Typus des von Wissensdrang erfüllten Israeliten gewesen sei, welcher seine höchste Befriedigung im Lernen und Lehren findet. Diese Bestattung, die letzte Erinnerung an meinen Vater, war für mich und alle ihm Nahestehenden deshalb so erhebend, weil sie in eine Zeit fiel, in welcher die künstlich geschürten konfessionellen Gegensätze noch nicht die Herzen vergiftet hatten. Sie war das leuchtende Abendrot des Arbeitstages eines Gelehrtenlebens, der in Stürmen begonnen hatte, in grauem Nebel weiter geführt worden war, erst spät von Sonnenblicken erhellt wurde. Wie flüchtig auch das Leben des einzelnen ist, wie es auch verweht gleich der Blume des Feldes, allzu schnell der Vergessenheit anheimfallend — hat er etwas Dauerndes von Wert geschaffen, so bleibt sein Andenken noch lange lebendig. Um es zu erhalten und in seinem Sinne fortwährend Gutes zu stiften, begründeten Verehrer und Freunde meines Vaters eine Stiftung. Die israelitisch eReligions-Gemeinde zu Leipzig verwaltet diese „Fürst-Stiftung", deren Zinsen für Studierende der orientalischen Wissenschaften zu Leipzig und Berlin bestimmt sind. Der grösste Teil seiner Bibliothek aber gelangte als Schenkung an die Hochschule für die jüdische Wissenschaft zu Berlin, in deren Bibliothekräumen auch eine von einer seiner Enkelinnen modellierte Büste Platz gefunden hat. So mögen diese anspruchslosen, persönlichen Erinnerungen an meinen Vater in Schillers erhebenden Versen ausklingen: Von des Lebens Gütern allen Ist der Ruhm das Höchste doch; Wenn der Leib in Staub zerfallen. Lebt der grosse Name noch. Skizze von Joac Wenn er im Tempel war, dann betete er nicht mit die herkömmlichen Gebete. Er schaute nur unverwandt mit glänzenden, durstigen, schönheitstrunkenen Augen auf den Vorhang, auf dem zwei Löwen sich auf die Gesetzestafeln stützten, und der die Thorarollen verbarg. Aber ihm verbargen sie nicht die Thorarollen. Nein, wenn er so hinstarrte mit seinen leuchtenden, märchenlebenden Blicken, dann schaute er dahinter etwas Grosses, Schönes, Reines. Etwas, das Erlösung sein musste, das daherkam aut wallenden Winden in nie erschauterPracht, verklärend, sonnenschön, märchenfarben, etwas, das göttlich war, Gott selbst: das Leben. — Es floss wie ein schauerlich-wonnevoller Strom durch sein zitternd Blut. Wie heilige Mysterien hörte er in der Ferne die Töne der Orgel langsam und feierlich schweben, und es war ihm, als ob auf jedem Ton im Friedenthal. Nachdruck verboten. ein Engel des Lebens sässe und in die Herzen dieser Menschen hineinfliege und sie erfülle mit wundersamem Licht und sie freimache. von Schmutz und Niederkeit und ihnen die Freude bringe, die heilige, erlösende Freude des Lebens . . . Hinter jenem Vorhang war es verborgen, das Grosse, Rätselvolle. Und es war die Sehnsucht, die hineinsah, grossäugig, verträumt, lechzend und ahnend, aber nicht wissend. Sie sah nicht, was war — das wollte sie nicht sehen —, sie fühlte nur den grossen, unbezwinglichen Drang, das traumselige Sichhingeben an den Wunsch, das Verlangen, das ungestillte, wie es lebt in des Menschen Brust mit tausend zuckenden Schlangen, die alle so wunderbar schillern im Farbenfeuer bahnringender Gedanken und so verwunden mit giftigem Biss im schalen Lichte der Alltagswahrheit, die Hohn ist auf den Geist des Hohen, des Schönen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.