Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Persönliches über Julius Fürst
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 247 - 248 (sequence 1)
- Language
- German
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247 248 PERSOENLICHES UEBER JULIUS FUERST. Von Sanitätsrat Dr. Liyius Fürst, Berlin. Nachdruck verboten. Weite Welt und breites Leben, Langer Jahre redlich. Streben, Stets geforscht und stets gegründet, Nie geschlossen, oft gerundet, Aeltestes bewahrt mit Treue, Freundlich aufgefasstes Neue, Heitern Sinn und reine Zwecke: Nun! Man kommt wohl eine Strecke. (Goethe.) Zum Säkulartage der Geburt meines Vaters (geb. 12. Mai 1805 zu Zerkow (Provinz Posen), gest. 9. Februar 1873 zu Leipzig) auch meinerseits ein Scherflein beizutragen, wenn auch nur in Form persönlicher Erinnerungen, diesen Wunsch richtet die Redaktion von „Ost und West" an mich. Ich will dem Wunsch so objektiv wie möglich nachkommen, schlicht, anspruchslos, einfach, wie er selbst war. Noch sehe ich ihn deutlich vor mir, wie er in den letzten Jahrzehnten seines Lebens erschien und, sozusagen, jedem Kinde in Leipzig bekannt war. Der mächtige, -von spärlichem Haar bedeckte Schädel, verriet wohl den Gelehrten, das lebhafte braune Augenpaar den scharfen Beobachter, die vorspringende Nase den Spürsinn, die Energie. Allein, das rundliche, freundliche Gesicht sprach nur von Frieden, von innerer Ruhe und milder Heiterkeit. Wenn man ihn so sah in seinem behäbigen Embonpoint, stets mit blendend weisser Halsbinde und langem Rock angetan, konnte man ihn eher für einen jovialen Landgeistlichen als für einen grübelnden Forscher halten. Nicht immer war seine Erscheinung von so mild-freundlichem Charakter gewesen. Bis zur Mitte der Fünfziger war er, wie ich mich entsinne, mehr mager und knochig; die Augen blickten damals stechender, schärfer, die Nase sprang unter der gewölbten Stirn kräftiger vor. Leidenschaftlichkeit und Kampflust, die zuzeiten bis zu rücksichtsloser Härte gehen konnten, sprachen aus seinen Zügen. Die lindernde Zeit, die reiche Lebenserfahrung haben diese Strenge gesänftigt. Eine philosophische, ruhig-heitere Lebensanschauung prägte sich später in seinem Antlitz aus, glich dessen Ecken und Kanten ab, machte es liebenswürdiger, verklärter. Diese Wandlung hatte auch sein Charakter durchgemacht. In seinen ersten, epochemachenden Werken ein himmelstürmender Neuerer, mit elementarer Kraft selbstgefundene steile P/ade erklimmend, war er durch den „Orient", der gleichzeitig mit mir das Licht der Welt erblickte, zu einem persönlichem Mittelpunkt für alle das Judentum bewegenden Fragen geworden. Politik, soziale Konflikte, religiöse Reformen, Toleranzbewegung, Kampf für Freiheit und Fortschritt — das brachte das „Hauptblatt" jenes journalistischen Unternehmens. Und das „Literaturblatt" gab wissenschaftliche Forschungen, Kritiken etc. wieder. Zahllose Beiträge von bedeutenden Meistern wie strebsamen Jüngern strömten ihm zu. Mit fast allen jüdischen Grössen seiner Zeit führte ihn diese publizistische Tätigkeit zusammen. Namen wie Beer, Dukes, Frankel, Graetz, Jost. Lazarus, Letteris, Luzzatto, Oppert, Philippson, Reggio, Sachs, Steinthäl, Wessely, Zunz und viele andere wurden in meinem Vaterhause mit warmer Hochschätzung genannt, wenn die literarischen Beziehungen meines Vaters zur Sprache kamen. Oft erhob er selbst, erfüllt von Feuereifer, seine Stimme; noch öfter aber wurde er in eine Polemik verwickelt, musste er heftige Kämpfe bestehen, für die ihn selbst das „Viel Feind', viel Ehr'" nicht entschädigen konnte. Als dies Blatt, das ihm Augenblicke des Ruhmes, aber auch Wochen voller Erregung gebracht hatte, aus Mangel an genügender Teilnahme einging, neigte sich auch die Sturm- und Drangperiode seines Lebens dem Abschlüsse zu. Ueber sein Wesen ergoss sich der Friede des stillen Forschers. Von Jahr zu Jahr gewann er an Liebenswürdigkeit, an Selbstkritik, Selbstdisziplin; je reicher die Saat seines Wissens aufging, desto mehr leuchteten zwischen den goldenen Halmen die anmutigen Blüten der Bescheidenheit hervor. Noch einmal loderten Flammen der Kampflust auf aus der Asche. Diesmal aber galt es kein Turnier, Mann gegen Mann, sondern einen Kampf um Grundsätze. Die Politik der vierziger Jahre, die schliesslich 1848/49 in der Revolution ihren explosiven Ausdruck tand, die Toleranz-Idee, welche überall zum Durchbruch kam, das mit dem Kampf für Freiheit des Volkes eng verknüpfte Ringen der Juden um Freiheit des Kultus und um die staatsbürgerlichen Rechte — diese Angelpunkte der Bewegung jener Epoche waren von ihm in ihrer ganzen Bedeutung erkannt. Sie waren der tägliche Gesprächsstoff in unserem Hause. Oft führten ihn die Ideen des Liberalismus vqm? Studierzimmer hinaus in stürmische Versammlungen. Vielfach diente seine Feder jenen Bestrebungen, Im „Literarischen Verein", aus dem sich später der „Schriftsteller-Verein" entwickelte, wurden nicht nur Standesfragen, sondern auch politische Angelegenheiten erörtert. Neben Biedermann, Bechstein, Blum, Heller und Herlossohn, neben Zelebritäten des Buchhandels, wie Brockhaus, Hirzel, Reimer und Wigand, war mein Vater hier eifrig in fortschrittlichem Sinne tätig. Auch der „Schiller-Verein" hatte nicht nur den Namen des grossen Dichters auf seine Fahne geschrieben; er huldigte auch der freien Entfaltung vaterländischen Geistes im Sinne Schillers. In dem Mitglieder-Verzeichnisse dieses Kreises begegnen wir seinem Namen neben denen eines Arndt, Kuno Fischer, Freiligrath, Griliparzer, Hebbel, Hoffmann von Fallersieben, Rietschel, Rückert, Schlosser, Stahr, Varnhagen von Ense, v. Wächter und Wuttke. Und so mancher Bühnenkünstler gehörte dem Verein an: Anschütz, Brendel, Dawison, Dessoir, Devrient, Düringer, Lina, Fuhr, Genast, Kindermann, Wallner u. a. Ja, es war damals „eine Lust zu leben"; denn alles dies anregende, frisch pulsierende Leben strebt zum Lichte, zur goldenen Freiheit. Und als dann das Sturmjahr achtundvierzig kam, wurde der stille, freisinnige Gelehrte, der an allen Clubs eifrig mitwirkte, in das Frankfurter Vorparlament gewählt. Man mag jetzt von der überschäumenden Bewegung jener Tage denken, wie man will. Sie hat doch die deutsche Einheit, welche später im Kaisertum zum Ausdruck kam, vorbereitet; jedenfalls hat sie die nachfolgende,, drückende Reaktion der Beustschen Aera nicht verdient. Freilich nur mit den Waffen des Geistes stand mein Vater damals in den Reihen der Vorkämpfer für Freiheit und Recht. — Doch nein, einmal auch mit der wirklichen Waffe in der Hand, eine der heitersten Erinnerungen aus meiner Jugendzeit. An alle wohlgesinnten Bürger der Stadt, die Gelehrten nicht ausgenommen, war die Aufforderung ergangen, eine Art von Bürgerwehr zu bilden, um Ruhe und Ordnung