Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Ein jüdischer Künstlerabend in Berlin
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 213 - 214 (sequence 1)
- Language
- German
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213 214 EIN JUEDISCHER KUENSTLERABEND IN BERLIN. Ein seltenes Fest konnte in Berlin an diesem Purimabende einem zahlreichen, erlesenen Publikum geboten werden. Aus Anlass des zehnjährigen Bestehens der Jüdischen Lesehalle in Berlin hatte sich der Vorstand dieser Institution mit dem Vorstand des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur verbunden, um gemeinsam eine Feier zu veranstalten. Beide Vereine wirken bekanntlich im Dienste derselben Idee. Nur bedienen sie sich verschiedener Mittel, und das Feld der Tätigkeit eines jeden von ihnen ist ein anderes. Unseren Lesern wurde erst vor kurzem die segensreiche Wirksamkeit der Jüdischen Lesehalle von berufener Seite geschildert. An der Spitze dieser Institution steht bekanntlich Herr Dr. Max Ginsberg, der ihr eine liebevolle, nimmermüde Förderung widmet. Der beinahe um ein halbes Jahrzehnt ältere Verein für jüdische Geschichte und Literatur umspannt alle Gaue Deutschlands und zählt mehrere Tausende von Mitgliedern, die über die Provinzen des Reiches — nicht „zerstreut" sind, weil sie sich in Zweigvereine gliedern, die mit einander und mit der Zentrale in Berlin in innigem Verkehr stehen. Nicht nur in den grossen Städten, die ja an und für sich Kulturzentren sind, hat dieser Verein seine Niederlassungen; bis in die kleinsten und entlegensten Provinzstädtchen, die häufig nur wenige jüdische Familien zählen, reicht sein Einfluss. An der Spitze dieses Vereins steht seit dessen Begründung der als Publizist, Kritiker und Literarhistoriker rühmlich bekannte Dr. Gustav Karpeles, dessen unermüdlicher Tätigkeit, dessen eiserner Energie und friedlichem, konziliantem Wesen der Verein zum grossen Teil seine heutige Blüte und Gedeihen verdankt. Fern von allen religiösen Parteiungen, betont der Verein stets das Alljüdische, welches uns allen teuer ist und das wir alle fördern und entwickeln wollen. So sitzen denn in seinem Vorstande die Vertreter der entgegengesetzten Richtungen einträchtig nebeneinander. Ausser den Präsidenten hat sich Herr Benas Levy um die Förderung der Lesehalle, sowie des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur unvergängliche Verdienste erworben. Zu Tausenden zählen die Vorlesungen, die auf Initiative des Vereins in den verschiedensten Ortschaften abgehalten worden sind. Seit einigen Jahren gibt der Verein auch ein Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur heraus, welches die Arbeiten der hervorragendsten jüdischen Gelehrten und Schriftsteller vereinigt. Nun hatte der Verein sich mit seinem jüngeren Bruder verbunden, um dessen zehntes Wiegenfest festlich zu begehen. Das Arrangement des Festes hatte die Redaktion von „Ost und West" übernommen. Es galt, der Festversammlung einen originellen Genuss zu gewähren, der zugleich die Tendenzen und Bestrebungen der beiden Vereine versinn- Konzertsängerin Vera Goldberg. lichte. So wurde denn eine Revue der jüdischen Kunst veranstaltet, der bildenden, sowie der redenden Kunst. Nach einer geistvollen Festrede des Herrn Dr. Gustav Karpeles, der das Publikum begrüsste und die Bedeutung der Feierlichkeit würdigte, nahm, die Darstellung ihren Anfang. Vermittels des Skioptikons wurden die Bilder der hervorragendsten jüdischen Künstler auf die Wand geworfen und erfreuten die Augen der Beschauer. Etwa 80 Kunstwerke von 30 Meistern boten sich in vollendeter Wiedergabe dem Anblick dar. Es waren darunter die Schöpfungen der Grössten: Israels, Liebermann, Ury, Gottlieb, Hirszenberg, Antokolski, Ezekiel — aber auch die dii minorum gentium waren reichlich vertreten. Die Bilder und Skulpturen, die den Lesern unserer Zeitschrift aus den hier gebotenen Reproduktionen bekannt sind, traten den Beschauern, von den elektrischen Strahlen beschienen, vor Augen. In gedrängter Kürze, aber in klarer Anschauung kam hier das Hervorragendste zum Vorschein, was der jüdische Stamm auf dem Gebiete des künstlerischen Schaffens in den letzten Jahrzehnten vollbracht hat. Von echter und tiefer Empfindung getragen war die deklamatorische Produktion der Frau Rahmer- Nothmann', die einige Gedichte jüdischen Inhaltes zum besten gab. Der berühmte Cellist Jaques van Lier erntete besonders mit seinem meisterhaften Vortrag des Liedes „Elohenu" von Prof. Gernsheim begeisterten und wohlverdienten Beifall. Es folgten musikalische Produktionen jüdischer Volkslieder und Synagogenmelodien. Die Redaktion von „Ost und West" hatte zu diesem Behufe aus ihren Sammlungen, teils in dieser Zeitschrift bereits veröffentlichte, teils noch der Veröffentlichung harrende Musikstücke ausgewählt, die abwechselnd von der hervorragenden Konzertsängerin Frl. Vera Goldberg und dem Herrn L. Lepiner meisterlich vorgetragen wurden. Dies war etwas in Berlin völlig Neues. Einzelne Lieder entfesselten wahre Beifallsstürme. Ganz besonders gefielen die Volkslieder, aus denen bald jauchzender Uebermut bald tiefe Sehnsucht, bald ergreifende Schwermut erklang. Frl. Goldberg hatte da reichlich Gelegenheit, ihre bedeutende musikalische Begabung zur Geltung zu bringen. Die von Herrn Lepiner mit seiner phänomenalen Stimme vorgetragenen chassidischen Melodien, diese originellen „Lieder ohne Worte", bildeten einen wahren Ohrenschmaus für Freunde vokalischer Genüsse. Alle Darbietungen wurden vom Publikum denn auch mit enthusiastischem Beifall belohnt. Die Vorführungen der Bilder und der Gesänge wechselten mit Deklamationen und Vorträgen ab. Nach der Pause beschloss eine Tanzunterhaltung diesen genussreichen Abend, der den'Anwesenden noch lange in angenehmer Erinnerung bleiben wird. Artikel „Ein jüdischer Klinstierabend in Berlin".)