Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Tolstoi und der Talmud
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 211 - 212 (sequence 2)
- Language
- German
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211 Ed. Weiss: Tolstoi und der Talmud. 212 aus: „Es ist viel leichter beim Nächsten Fehler, als bei sich selber Tugenden zu entdecken." Eine ähnliche Analogie bietet das Wort des Talmud: „Gräm dich nicht um den morgenden Tag, denn du weisst nicht, was heute noch geschieht. Wer Brot im Korbe hat und spricht, was werde ich morgen essen, der gehört zu den Kleingläubigen. Wer den Tag geschaffen,.schafft auch Speise für ihn," mit dem bekannten Vers aus dem Neuen Testament, Matth. 6, 25. Die hier enthaltenen Lehren sind den Juden so sehr ins Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich vielfach auch im heutigen jüdischen Sprichwort ausprägen: „Mag der sich sorgen, der keinen Gott hat auf morgen." „Der Mensch soll nicht sorgen, was sein wird morgen. Er soll lieber verrechten (gut machen), was er verdorben hat nachten (gestern)." „Wer Zähne gegeben, wird auch Brot dazu geben." Diese Gesinnung hat gleichwohl bei uns Juden weder zu einem Fatalismus noch zu einem Mönchtum geführt. Wenn der Talmud lehrt: ,,Das Wesen der Liebe zu Gott besteht im Hindrängen und Hinstreben der Seele zu ihrem Schöpfer, um mit ihm in einer höheren Welt sich zu vereinen," so hat Tolstoi bei Kaiser Marc Aurel einen ähnlichen Gedanken entdeckt, der aber in viel schwächerer Form zum Ausdruck gelangt. Und wenn der Talmud befiehlt: „Sei wahrhaftig auch gegen Kinder: hast du ihnen was versprochen, so halte dein Versprechen, sonst erziehst du sie zur Lüge", so weist uns Tolstoi nach, dass John Ruskin dasselbe lehrt. In bezug auf die Bereuung der Sünden findet er eine Analogie zwischen der Lehre des Talmud und der des Dhammapada. Er notiert ferner die Lehren des Talmud über die Verwerflichkeit des Streits und die Vorzüge des Friedens und verzeichnet das geistvolle Wort: „Gott zürnt uns wegen unserer Sünden, die Menschen wegen unserer Tugenden", dem auch Seneca beistimmt, und welchem das heutige jüdische Sprichwort mit ein bisschen anderen Worten Ausdruck gibt, indem es sagt: „Vor Gott hat man Furcht, vor den Menschen muss man sich hüten", „Gott straft — der Mensch rächt sich". Ein wundervolles Wort des Talmud verzeichnet er ferner: „Nicht der ist verständig, der das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht, sondern wer von zwei Uebeln das kleinere zu wählen weiss." Etwas Aehnliches sagte auch Wilhelm von Flumboldt. Die Wichtigkeit der Tat im Leben und ihr Vorzug vor der grauen Theorie betonen der Talmud und Ruskin gleich energisch. Das Lob der körperlichen Arbeit und des Handwerks, zumal des Ackerbaues, welches der Talmud in allen Tonarten zu singen nicht müde wird, muss wohl dem Verfasser der Auferstehung besonders zugesagt haben. Ebenso eifrig notiert er die Aussprüche unserer Weisen über die Unzulänglichkeit des menschlichen Erkenntnisvermögens, über das Wesen der Sünde, über die Gottesliebe. Man kann sich leicht vorstellen, was für einen mächtigen Eindruck auf ihn folgendes Wort machen musste: „Liebe den ewigen Gott so, dass durch dich auch andere ihn lieben," oder: „Erfülle Gottes Gebote mit Liebe. Es ist nicht dasselbe, sie aus Liebe zu Gott, oder aus Furcht vor ihm zu erfüllen." Die Demut, die Selbsterkenntnis, die Selbstverleugnung, die der Talmud lehrt, stimmen mit Tolstois eigner Lebensanschauung so sehr überein, dass er vielen diesbezüglichen Aussprüchen unserer Weisen Zitate aus seinen eigenen Werken zur Seite setzen kann. Zur Psychologie des Gebets zitiert Tolstoi aus dem Talmud folgende tiefsinnige Aussprüche: „Wisse, dass wir zu Gott beten und ihm unser Gebet zu Füssen legen, nicht weil sein Wille der Veränderung unterliegt, sondern weil wir eben dadurch, dass wir ihn um Befriedigung unserer Bedürfnisse bitten, anerkennen, dass er die Welt geschaffen hat, dass er sich um alle bekümmert, alle ernährt und über alle herrscht, dass er alle Dinge beobachtet, die guten wie die bösen; während wir aber über den Ruhm des Herrn nachsinnen und seine Macht anerkennen, wird unsere Seele geläutert und erhoben." Und ferner: „Ein Gebet ist für jeden Redlichen die Aufklärung seiner Beziehungen zum Schöpfer, der ihm jeden Augenblick Gutes tut. die Aufklärung seines Verhältnisses zu den Menschen, seiner Pflichten gegen sie, die Kinder desselben Vaters; die Abrechnung mit sich selbst, über alle Werke und die Untersuchung seiner dunklen Vergangenheit, um sich in Zukunft vor den Fehlern und Vergehen zu hüten, die man in der Vergangenheit begangen hat." „Die Zeit vergeht, sagt ihr gewöhnlich in ganz falscher Auffassung. Die Zeit besteht, aber ihr vergeht." So lautet ein anderer Ausspruch des Talmud, den Tolstoi verzeichnet. Es ist schade, dass ihm die Aussprüche der mittelalterlichen jüdischen Weisen, ebenso wie der der neueren Zeit unbekannt geblieben sind. Wie sehr würden ihm z. B. folgende Aussprüche des Baal-Schem zugesagt haben: „Das Böse ist nur die niederste Stufe des Guten, und der Mensch kann durch sein Handeln das Böse zum Guten wandeln." „Wer einen Bösewicht verdammt, ohne ihm zuvor die Fland zur Besserung gereicht zu haben, der verdammt sich selber." „Der höchste Lohn für die gute Tat auf Erden ist die Befriedigung, die sie gewährt." „Gott dient jedes Geschöpf auf seine Weise, der Adler in den Höhen, das Würmchen im Staub — der Mensch darf sich über diese nicht überheben." Auf jeden Fall lehrt uns das neueste Buch Tolstois, wie viel Geistesnahrung unser altes Schrifttum einem der modernsten und umfassendsten Geister der Gegenwart zu bieten vermag.