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Ost und West · 1905-03-01 · Heft 3 (März 1905) · p. Seite 185 - 186

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 3 (März 1905)
Article
Judenjunge!
Date
1905-03-01
Page
Seite 185 - 186 (sequence 1)
Language
German
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185 1S6 JUDENJUNGE Skizze von Thekla Skorra (Berlin) „So küsse mich doch! Lache, jauchze, liebe mich. Mensch, ich bin ja Dein — Dein — für eine kurze Stunde nur. Dann steig' ich auch über Dich hinweg wie über die andern alle." Das Glück ist in seine Stube gekommen, das Leben will ihn grüssen: „Ich bin da, Du! — gelehrter Tor — kannst Du's fassen?" Und das rothaarige Mädel wirbelt den dunkeln Träumer in dem vollgepfropften Chambregarni umher, dass es von den endlosen Bücherreihen rings aufstäubt. Die Sonnenstrahlen huschen durchs Fenster und packen den flüchtigen Staub und tanzen auf seinem Rücken ihren zierlichen Reigen, der alles freudlose Grau in bunten Lichtern aufflimmern macht; dass eine Brücke von tausend winzigen, glitzernden Edelsteinchen gezogen scheint, von dem Schriften beladenen Tisch schräg hinauf bis an die jubelnde Sonne dort draussen. Sogar die ernsthaften, steifen Porzellanpuppen auf dem Sofabrett scheinen ihre vergoldeten Mäuler zu einem freundlichen Grinsen zu verziehen. Was sollten sie auch grämlich bleiben, wenn der kleinen Schauspielerin Maja die kurzen rotblonden Ringelsträhnen um den Bubenkopf mit den grünen Funkelaugen flatterten; wenn deren nackte Arme aus den zurückgeworfenen, weiten Aermeln sich lebenweckend schwangen. Die leichten Seidenschuh' schleuderte der Uebermut mit einem kecken Tanzschritt bis an die Zimmerdecke, dass der protzige Bronzekronleuchter ordentlich in Gefahr geriet und seine Glasprismen missbilligend schüttelte. Der ganze, steife Aufputz des möblierten Zimmers wackelte und quietschte und rasselte umeinander; der reine Hexensabbat war's. Nur der schwarzbärt'ge Mann — oder ist's ein Jüngling noch? — man weiss es nicht, er (Nachdruck verboten.) selbst wohl auch nicht — sträubt sich unbeholfen und beinah ängstlich. „Was steht er seiner Jugend so hilflos gegenüber?" muss Maja denken, „und wie er nun dasitzt und atmet und nach Luft schluckt!" Hat er nicht gestern noch gezittert nach Leben? Und es ist doch da das ganze purpurne Glück — nur die Hand braucht er auszustrecken. Aber diese Hand scheint gelähmt, der Bann der Jahrtausende liegt auf ihr. Wie unsichtbare Ghettomauern umspannt es seine Muskeln. Dem Gefesselten gleich möchte er aufschreien: „Maja, wo hätten meine Muskeln je gelernt, in stolzer, freier Kraft zu schwellen? Hier zupacken können in tobendem Geniessen! Die Arme Dir um den blühenden Leib schlingen, Dich festhalten können, Dich Märchengruss der Seligkeit, für Tage — für Stunden nur — gleichviel — aber einmal, einmal ganz untertauchen können im Augenblick, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft — doch er — er?!" Bitter höhnisch zuckt's um seine Lippen. Woher sollt's ihm kommen? Rückwärts geschaut gen Jerusalem, den Sonnenaufgang suchend, haben die Augen seines Volkes durch die Jahrtausende: So können sie nun die Mittagshöhe nicht mehr ertragen. Geblendet fallen die Lider vor einem vollen Glanz, und erschlafft sinken die Arme vor einem p'anzen Glück. MARIE COHEN. HAMBURG.

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