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Ost und West · 1905-03-01 · Heft 3 (März 1905) · p. Seite 183 - 184

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 3 (März 1905)
Article
Marie Cohen
Date
1905-03-01
Page
Seite 183 - 184 (sequence 2)
Language
German
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183 Marie Cohen. 184umschwebt alle diese Bilder, aus denen die Gestalten wie traumumflossen auftauchen. Marie Cohen liebt nicht die scharfen, harten Umrisse; sie löst die Konturen in einem Spiel von Licht und Schatten auf. Sie liebt auch nicht das banale „Schöne", das alltäglich Regelmässige, welches einem seichten Formensinn gefällt, sondern das Charakteristische, in welchem sich reales Leben und "Wirklichkeit ausprägt. Aber sie verschwendet nicht viele Mittel, um das Charakteristische herauszubringen, sie bewirkt es gewöhnlich durch eine einzige Linie, die z. B. die Bewegung des Kopfes andeutet, oder die herabgelassenen Augenlider. Viel Seele und Gemüt spricht aus den Augen ihrer Gestalten, die, weit davon entfernt, im alltäglichen Sinne „schön" zu sein, durch den kummervollen oder resignierten Ausdruck, bald aber durch ein unbestimmbares Etwas den Beschauer ergreifen. Da ist das lebensvolle Bildnis eines kleinen Knaben, den Kopf leicht, wie fragend, nach rechts geneigt, und er blickt mit grossen, sehnsüchtigen Augen in die "Welt, die ihm ersichtlich nur sehr wenig von ihren Schätzen zu bieten hat. Offenbar ein armer Knabe, vielleicht ein verlassenes "Waisenkind. Da ist ferner eine schlafende Frau, die magere, vortrefflich gezeichnete und charakteristische Linke ruht auf der Brust, während der schlaffen Rechten ein Zeitungsblatt zu entfallen scheint. In dem Gesichte prägt sich ein schmerzlicher, lebensmüder Zug aus. Links oben dringt ein gedämpftes, zerfliessendes, fast mystisches Licht herein und bildet einen anregenden MARIE COHEN. HAMBURG. Knabe aus Dachau. MARIE COHEN. HAMBURG. Knabe aus Dachau. Kontrast zum Dunkel der Gestalt. Auch über der Abendlandschaft, der einzigen Landschaft in der Kollektion, liegt ein Hauch des Weltvergessenen, Traumhaften, Wehmütigen. Allerliebst ist das Bild eines kleinen, ruhenden Mädchens auf einem mit rosigen Lichtem gehöhten Hintergrunde, von dem sich wohltuend das gedämpfte Weiss der Gewandung abhebt. Aus dem feinmodellierten Köpfchen blicken die offenen Augen mit treuherziger Neugierde in die Welt, während die Rechte etwas unfertig und steif auf einem aufgeschlagenen Buche ruht. Wie ein Gegensatz dazu mutet das Bild eines anderen Mädchens an, in sitzender Gestalt, dessen Blick traurig zu Boden gesenkt ist. Eine keusche, beinahe möchte man sagen: verschlossene, Herbheit, verbunden mit echtem, seelenvollem Mitleid, geht durch die Bilder von xMarie Cohen. Es ist für den Künstler vor allem bezeichnend, was er in der Welt sieht, und wie er es sieht. Und Marie Cohen scheint sich in der Welt von den Mühbeladenen und Bekümmerten angezogen zu fühlen; durch die äussere, alltägliche, nichts weniger als schöne Hülle ihrer sinnlichen Erscheinung hindurch blickt sie in ihre Seele und liest deren Regungen, die zu Tage zu fördern und überzeugend zu schildern sie schon jetzt bedeutende Mittel künstlerischer Gestaltung besitzt. "Wir haben hier vor uns eine tief veranlagte Natur, die ihren Weg bereits gefunden und sicheren Schrittes aufwärts strebt.

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