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Ost und West · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1923) · p. Seite 43 - 44

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
Article
Aus der philosophischen Literatur [Rezension]
Date
1923-01-01
Page
Seite 43 - 44 (sequence 2)
Language
German
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43 Aus der philosophischen Literatur einzelnen Denker beschränkt, wie sie die Tradition nicht ohne Grund ausgewählt hat, dabei aber stets gesucht, die geistigen Zusammenhänge mitschwingen zu lassen und den allgemeinen Lebenshorizont, ja die Kulturmission des. Hellenentums wirksam zu zeigen." Was wir vor uns haben, ist also eigentlich eine Geschichte der griechischen Seele, durch das Prisma der griechischen Philosophie gesehen, und zwar gesehen von einem Meister der psychologischen Denkmethode. Joel verfügt über eine souveräne Beherrschung des Stoffes, eine unvergleichliche Belesenheit in der ganzen unabsehbaren Literatur über die Griechen bis in die kleinste Einzelheit — aber was sein Ureigenstes, Unnachahmliches ist, das ist die bewundernswerte Begabung Ider spyehologischen Einfühlung, die ihn befähigt, entlegene Epochen mit frischem Leben zu erfüllen, fernstehende Persönlichkeiten in der ganzen Fülle ihres individuellen Fühlens und Denkens auferstehen zu lassen, so daß sie uns wie Zeitgenossen anmuten, die wir menschlich verstehen, trotz aller Verschiedenheit, die uns von ihnen trennt. Joel schreitet von der Peripherie zum Zentrum vor, von allgemeinen zu immer engeren Kreisen. „Lebensbedingungen und Grundzüge des griechischen Denkens'"' ist ein umfassender Abschnitt aus der Einleitung überschrieben; hier werden die spezifischen Erscheinungsformen der griechischen Mentalität, das Unvergleichliche, Einmalige ihres Denkens gezeichnet und aus den Bedingungen ihres Lebens, aus der Beschaffenheit ihres Landes zu erklären versucht, dieses Landes, „das zu jedem spricht, der Augen hat zu sehen, plastisch zu sehen und nicht bloß Ohren, Literatur zu hören... Gewiß, das Land allein macht nicht die Leute, schon weil die Leute das Land machen: Das Land ist Material und Instrument, ist Bedingung und Vorbereitung für den Geist eines Volkes, wie es der Körper für idie Seele ist." Der Geist eines Volkes aber ist ein Letztes, ein Unauflösbares und Unerklärliches, wir wollen uns damit bescheiden, ihn zu verstehen, wenn es uns auch'versägt bleibt, ihn auf etwas anderes zurückzuführen. Joel entwickelt dann den seelischen Stoff, aus dem die besondere Aufgabe des griechischen philosophischen Denkens erwächst in dem Kapiiel: „Das Erwachen der Vernunft im Zeitalter der Leidenschaft", welches uns die Entwicklung der. griechischen Seele aus dem Geiste der Lyrik, der Mystik und. der Tyrannis zur Philosophie, zum Maß, zur Begrenzung, zur Sophrosyne und zum Logos, vor Augen führt, denn „Philosophie ringt sich erst schwer heraus aus der Gesamtheit des Geisteslebens in besonderen Zeiten, Völkern und Menschen". Nach einer Charakteristik des 6. Jahrhunderts, dessen .Geist der „kosmische Absolutismus" ist, werden uns die Menschen vorgeführt, in denen sich die Philosophie der Griechen herausgerungen hat. Wir mächen die Bekanntschaft der altjonischen Denker, der Repräsentanten des „jonischen Geistes",. Thaies, Anaximander, Anaximenes, Meraklit. Durch das Zeitalter der Aufklärung — das 5. Jährhundert — gelangen wir über die jüngere Naturphilosophie mit Empedokles, Anaxagoras und der Atomistik zu Sokrates und der somatischen Schule, deren Darstellung den Gipfel und den Abschluß des ersten Bandes bildet. Voran geht noch ein Kapitel über die Sophistik, eine prachtvolle Analyse dieser eigenartigen Erscheinung des griechischen Geisteslebens, die den Übergang zwischen der in der Atomistik '.sich vollendenden Naturphilosophie und der in Sokrates: erwachenden Geistesphilosophie bildet. Das Kapitel über Sokrates gehört wohl zu dem Schönsten und Tiefsten, was die weitschichtige Sokrates-Literatur aller Zeiten hervorgebracht hat. In schlichten: Worten, ohne jegliches Pathos, wird der tragische Konflikt geschildert, in den der athenische Geist,, sich in Sokrates vollendend, zu seinen äußeren Erscheinungsformen, verkörpert in religiösen, sozialen und politischen Institutionen, geraten mußte, ein Konflikt, dem Sokrates zum Opfer fiel. „In einer Zeit, da Haus, Staat und Religion soviej inniger ineinanderlebten, da man die Familiensippe als Wurzel fühlte, den Staat als Stamm und die auch als väterliche verehrten Götter als Krone eines großen Lebensbaumes, der den einzelnen von. Kindheit an schützend umfing und dem er sich nicht, entwinden konnte, ohne ein Sakrileg zu begehen" — in dieser Zeit lehrte Sokrates „neue Göttlichkeiten",, tat er ,',den großen Schritt zum wahren Menschentum, der aus der Masse, aus der Gattung, aus den Instinkten hinausführte zum individuellen Bewußtsein". Und darum war er der „Volksfeind", darum war er vor allem denen verhaßt, die von den Instinkten des Publikums lebten, selber mehr aus den Instinkten, als aus der Vernunft heraus lebten und schufen." Sokrates,. der den Gott im eigenen Busen trug und der dem Gotte und der Stimme der Vernunft mehr gehorchte als den Menschen — dieser Sokrates mochte wohl als Feind des Geltenden, des Volksrechtes und der Vätersitte erscheinen. Und er war es im tiefsten Grunde, ob er es wußte oder nicht. In Wahrheit hat ja Sokrates seinen Prozeß mit gelenkt, hat ersieh ja selbst die Todesstrafe auferlegt, der er sich,, wenn nicht im Prozeß, so doch vor ihm und nach ihm, entziehen konnte. „Er tat es nicht, weil er sich im tiefsten Grunde einig fühlte mit dem richtenden Volksgeist." „Der Geist der Sokratik durchbrach das alte Volksrecht", das attische Volk durfte ihn verurteilen, — gleichwohl war er der Vollender, der ideale, nur zu ideale Vollender des. attischen Wesens, der attischen Freiheit, der attischen Gleichheit, der attischen Öffentlichkeit, indem er alles aus dem Druck der Autorität und dem Dunkel der Triebe vor das Forum der Vernunft zieht, in die freie, helle, bewußte Erörterung, die gerade die Attiker schätzen und als Reflexion der Tat vorausgehen lassen." Der Held muß fallen,, damit seine Idee siege. „Sokrates stirbt, aber sein Geist lebt nicht nur fort, sondern kommt erst zur vollen Entfaltung in den Sokratikern." — Eine irgendwie ins einzelne gehende Kritik dieses Werkes, soll hier nicht einmal versucht werden. Joel wollte ein Buch geben, „das als Einführung den Gebildeten ansprechen, den Studierenden aufklären und . zugleich noch dem Gelehrten einige Bereicherung bieten möchte." Den ersten beiden Kategorien bereitet der Verfasser jedenfalls einen erlesenen Genuß, für den sie ihm nicht genug des Dankes, wissen können. Der prachtvolle, schlichte, vornehm ruhige Stil, voll verhaltener Glut und hinreißenden Enthusiasmus, die meisterhafte plastische Darstellung, erhöhen; gewissermaßen als unbeabsichtigte königliche Beigäbe, den Wert des Geschenkes. Der zweite. Band soll Plato und die Platoniker bis zum . Neuplatonismus behandeln. Wird hier auch Philo, diese erstmalige Synthese des hellenischen und judäischen Geistes, zur Darstellung gelangen? Wir wollen es hoffen. — .

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