Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Eine Probe neutestamentlicher Gelehrsamkeit bei Friedrich Delitzsch
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 135 - 136 (sequence 1)
- Language
- German
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135 136 EINE PROBE NEUTESTAMENTLICHER GELEHRSAMKEIT BEI FRIEDRICH DELITZSCH. Von Dr. F Der eben erschienene dritte (Schluss-) Vortrag „Babel und Bibel" hat gleich seinen Vorgängern die Tendenz, die Reinheit der religiösen und sittlichen Vorstellungen der Babylonier1) in möglichst helles Licht zu rücken, die Leistungen des Judentums auf diesem Gebiet möglichst zu verkleinern2) und vor allem die Religion Jesu zu verherrlichen. Eines der Hauptmittel, die diesem dreifachen Zwecke dienen sollen, ist die Anführung der Parabel vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 30 ff.). Die Samaritaner sind nämlich ein Mischvolk von Babjdoniern und Israeliten, und Jesus habe in dieser Parabel gerade den „Babylonier" allen Menschen zum Vorbild gesetzt. In einer langen Anmerkung (S. 56/57) wird dann durch einen Hinweis auf Hammurabis Gesetz, in dem ein Unterschied zwischen In- und Ausländern so gut wie gar nicht hervorbricht, zu erklären versucht, warum „Jesus gerade den Samariter zum Vorbild allgemeiner, alle Menschen und Völker unterschiedslos umfassender Nächstenliebe erhoben hat". x) S. 21 ist D. wenigstens so vorsichtig-, nur vom „sittlich-religiösen Denken der edleren Babylonier" zu sprechen. S. 32 sind aber aus den edleren Babyloniern die Babylonier schlechtweg geworden, indem wir hören, dass „die Ethik und Religiosität der Babylonier eine so lautere und sympathische ist", während wir S. 31 gar lesen, dass „das religiös-sittliche Gefühl des babylonischen Volkes trotz des polytheistischen Charakters seines Glaubens und Kultus nicht gelitten hat". S. 29: „Und so unterscheiden sich denn die babylonischassyrischen Gottheiten hinsichtlich ihrer Eigenschaften in nichts von Jahve, dem Gott Israels.'1 Sind wirklich die babylonischen Götter heilig, und hat überhaupt die babylonische Sprache diesen Begriff? 2) S. 21 wird nach der gnädigst zugestandenen Erhabenheit des Sittengesetzes: „Liebe Deinen Nächsten als Dich selbst** sofort „dessen unleugbare Beschränkung auf die Angehörigen des eigenen Volkes" behauptet. S. 38 heisst es nach Erwähnung der semitischen Stammes- und Volksgötter: „Und von dieser partikularislischen Gottesanschauung vermochten sich selbst die grossenPropheten Israels und Judas nicht dauernd frei zu machen." S. 41 hören wir: „Israel ist das auserwählte Volk Jahves, nicht Gottes in unserem allumfassenden Sinn." Geradezu klassisch ist die Behauptung (S. 39) „dass wir nicht die Spur eines Grundes zu der Annahme haben, dass das sittlich-religiöse Leben der Moabiter unter dem Niveau Israels gestanden hätte". Haben wir etwa gar die Spur eines Grundes zu der gegenteiligen Annahme, oder kennt Delitzsch nicht 2. Könige 3, 27, wo der König von Moab in seiner Not den eigenen Erstgeborenen opfert? elix Perles. Nachdruckverboten. Delitzsch meint also, man dürfe es verallgemeinern, wenn in dieser Parabel ein Samaritaner gegen einen Priester und einen Leviten ausgespielt werde, und Jesus habe die Absicht gehabt, die Samaritaner (und damit indirekt die Babylonier) als weitherziger gegenüber den Juden hinzustellen. Leider hat aber Delitzsch sein Evangelium nicht genau gelesen. In demselben Lukas-Evangelium, dem er seine „von göttlichem Geiste durchströmte Parabel" entnimmt, lesen wir kurz vorher (9, 51 ff.): „Es geschah aber, als die Tage seiner Erhebung sich erfüllten, nahm er (Jesus) die Richtung geradeaus nach Jerusalem und sandte Boten vor sich her. Und sie zogen aus und kamen in ein Samariterdorf, um für ihn zu bestellen; und sie nahmen ihn nicht auf, weil er in der Richtung nach Jerusalem zog." Das war also die Nächstenliebe der Samariter, die Jesus am eigenen Leibe zu spüren bekam. Er scheint darum auch keine allzu hohe Meinung von den Samaritern gehabt zu haben, denn er ermahnt die Apostel (Matthäus 10, 6): „Ziehet auf keiner Heidenstrasse, und betretet keine Samariterstadt, gehet aber vielmehr zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel." Recht bedenklich für D. ist auch die Stelle Johannes 4, 9,3) wo die samaritanische Frau Jesus den erbetenen Trunk verweigert, weil er Jude sei,4) und recht unbequem wird ihm das Wort sein, das gerade in der Antwort Jesu an jene Frau enthalten ist: „Ihr betet an, was ihr nicht kennet; wir beten an, was wir kennen, weil das Heil von den Juden ist." Delitzsch wird also künftig etwas vorsichtiger sein müssen, bevor er Jesus als Kronzeugen für den Gegensatz von jüdischer und samaritanischer (und damit babylonischer) Nächstenliebe anführt. 3) Die dortselbst gegebeue Begründung: „Denn die Juden verkehren nicht mit den Samaritanern", fehlt in den Iiaupttextzeugen und ist eine spätere ungeschickte Glosse. 4) Wie wohltuend hebt sich von dieser Engherzigkeit die talmndische Vorschrift ab, dass die Armen der Samaritaner ebenso wie die Annen der Juden zu behandeln seien (Tos. Pea 4, 1), und die noch weiter gehende Barajla: „Man versorgt die Armen der Heiden mit Nahrung, man hält Trauer um ihre Toten, tröstet ihre Trauernden und begräbt ihre Toten" (Tos. Gittin 5, 4—5; jer. Demai 24a; b. Gittin 61a), vgl. darüber Perles, Boussets Religion des Judentums kritisch untersucht 61.