Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Des Sängers Schuld und Sühne
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 107 - 108 (sequence 4)
- Language
- German
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107 E. B.: Des Sängers Schuld und Sühne. 108 lernte ihn der grosse polnische Komponist Moniuszko kennen und bewog ihn, längere Zeit dazubleiben. Sein Ruhm verbreitete sich bald auch unter den Christen. Es war Moniuszkos schöne Tochter, nach anderen war es eine andere Grafentochter, der seine Lieder und sein Singen besonders gefielen. Er musste öfter in ihren Palast kommen und vor ihr singen. Er glaubte, es wäre ihr nur um seine Stimme und seine Lieder und Gesänge zu tun, sie aber verliebte sich mittlerweile heimlich in ihn. Einmal, als er vor ihr gesungen, ward ihm sehr heiss. Sie nahm nun ihr seidenes Taschentuch und wischte ihm den Schweiss von der Stirn; andere behaupten, sie hätte ihm mit ihrem goldenen Fächer Kühlung zugefächelt. Genug, sie gewann so die Gewalt über ihn, denn dadurch konnte sie einen Zauber auf ihn werfen. Nun entflammte er in heftiger Liebe zu ihr. Vergebens besann er sich, dass er ja eine Frau hatte, die ihm nichts Böses getan, und die er ja nicht Verstössen würde, vergebens besann er sich, dass die schöne Hexe ja eine Christin war, und daran, seinem Glauben untreu zu werden, konnte er ja nicht einmal im Traume denken. Er wollte von Warschau fliehen, aber der Zauber war zu mächtig. Er fand die Kraft nicht. Er fing an, Busse zu tun, sich zu kasteien, in den schönsten und traurigsten Gesängen sein Herz vor Gott auszuschütten, aber es half nichts. Die unreine Macht hatte schon zu grosse Gewalt über ihn gewonnen. Endlich beschlossen die Grossen von Wilna, hinzufahren, um nachzusehen, warum ihr lieber Chasan so lange ausblieb. Sie fanden ihn traurig und krank und waren darob sehr betrübt. Sie Hessen seine Frau kommen, und erst diese nahm ihn mit sich nach Hause. Sie Hess die grössten Aerzte kommen, aber keiner konnte ihn gesund machen. Sie glaubten alle, er wäre krank am Leibe, aber keiner wusste, dass ihm das Herz weh tat. Sie bereitete ihm Bäder aus Wein, aus Milch und aus Tränen, aber es half nichts. Er siechte dahin. Er fühlte nur, dass, wenn er noch einmal in der grossen Synagoge vor den Altar hintreten und sich so recht sattsingen könnte vor Gott, wie in den alten Zeiten, so würde ihm leichter werden. Aber das wagte er nicht, da er fühlte, dass die unreine Macht ihn in ihrem Besitz hatte, und er das Bild der Zauberin stets vor Augen sah. Nur zuweilen stellte er sich in einen Winkel und hüllte sich in das TalHs, und es quollen die Töne ihm von den Lippen, dass die Hörer ein Schauer ergriff und sie in Weinen ausbrachen. Einmal, als die Frau ihm ein Milchbad bereitete und ihre Tränen darin hineinvergoss, fiel er ihr um den Hals und bat, sie solle ihn sofort nach der grossen Synagoge tragen lassen, denn er war schon sehr krank. In der grossen Synagoge sang er das Gebet für die Genesung kranker Kinder, andere behaupten, es war die grosse Beichte, die er da sang, denn er fühlte, dass es mit ihm zu Ende ging. Alle Anwesenden fingen an bitterlich zu weinen. Als er fertig war, rief er: „Nun ist mir schon leicht." Und er starb. Jene Melodie aber wird noch heute in Wilna und im ganzen Lande gesungen. DER TOD DER Von Ri chard Ich, Abraham ben Meir Görlitz, Vorstand der Beerdigungsbrüderschaft, verhülle mein Haupt und gedenke in Liebe und Trauer der Toten, die vor uns dahingegangen sind zu beten für alle, die noch in der Finsternis wandeln. Denn ihrer ist das Licht. Ich bin nunmehr alt und werde selber wohl bald an die Pforte klopfen, die mir gnädig geöffnet werden möge, ich habe vielerlei gesehen in meinem Leben, schlechte und gute Tage, Krieg und Frieden, zwei meiner geliebten Kinder — sie ruhen in Frieden! — sind vor mir dahingegangen; aber ihr, meine Enkel, iür die ich dieses aufzeichne, sollt wissen, dass es die schwerste Stunde meines Lebens war, als ich hinging, die Debora Traub, als eine des Giftmords an Schwiegermutter und Schwägerin schuldig Befundene, zu ihrem schweren Gang vorzubereiten. Ihr Urteil ist gewesen, mit dem Schweit vom Leben zum Tode gebracht und unter dem Galgen begraben zu werden. Zu jener Zeit wäret ihr noch klein und spieltet auf dem Wall und in den Höfen, ihr könnt also nicht wissen, wie bekümmert unsere Seelen waren, da ge- DEBORA TRAUB. Huldschiner. Nachdruck verboten. rade der gute Kaiser Joseph II. gestorben war und Trauer in Israel herrschte um den Gerechten, ihr könnt nicht wissen, was es uns bedeutete, dass ein Kind unseres Volkes in Ketten lag, da es gemordet hatte, und die Böswilligen, so uns umgaben, mit den Fingern auf einen jeden von uns weisen mochten: Seht, da geht einer von den Giftmischern! Und mussten wir nicht bekennen: ja, es ist wahr, sie hat gemordet, sie hat Mutter und Schwägerin mit Gift vergeben? — Ach, der Trauer, die um die Schuld des eigenen Kindes weint! Aber es waren viele, die da sagten: „Um Gott, was will man tun! Sie hat es nicht mit klarem Verstände getan; haben doch die drei Frauen in bestem Einvernehmen mit einander gelebt." Und muss ich auch selber bekennen, dass sich oft bei ihr in gesunden und kranken Tagen und in ihrer ersten Schwangerschaft vornehmlich heftige Krämpfe mit Tiefsinn, Ueberdruss des Lebens, Weinen und Lamentieren einfanden, und dass man bei dergleichen Vorfällen vergeblich nach der Ursache fragen konnte: