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Ost und West · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1922) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
Date
1922-05-01
Page
None (sequence 5)
Language
German
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OST»"} ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT V FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 5/6 Mai-Juni 1922 XXII. Jahrg. AUS DER WELT DER PSALMEN Von Rabbiner Dr. Max Eschelbacher - Düsseldorf I. Vor fünfundzwanzighundert Jahren sangen, in Palästina auf dem Wege nach Jerusalem Pilger einen Chor, den vor -Jahrzehnten Felix Mendelssohn-Bartholdy abermals in Musik gesetzt hat: „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen. Von wannen wird mir Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt von dem Ewigen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Er läßt nicht wanken Deinen Fuß, es schläft nicht Dein Hüter. Ja, es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels. Der Ewige ist Dein Hüter, der Ewige Dein Schatten zu Deiner Rechten, daß am Tage die Sonne Dich nicht treffe und der Mond nicht in 'der Nacht. Der Ewige behüte Dich vor allem Bösen, Er behüte Deine Seele! Der Ewige behübe Deinen Ausgang und Deinen Eingang von nun an bis in alle Ewigkeit!" Das war ein Gesang der Scharen, die durch die Berge und Schluchten des jüdischen Landes zu den Wallfahrtsfesten nach dem Tempel zogen. Solche Lieder sind damals, in der alten biblischen Zeit, viele gedichtet worden, und viele mögen verlorengegangen sein. Einhundertfünfzig, der schönsten aber sind gesammelt und zu einem besonderen Büchlein vereinigt worden, zu dem Buche der rjsalmen. Dann haben sie in die Sammlung unserer Heiligen Schriften, in die Bibel, Aufnahme gefunden und zieren sie nun als ein strahlendes Juwel. Sie gleichen einem Baume, dessen Wurzeln tief in dem Erdreich des alten Palästina und Babel stecken, und unter dessen Schatten doch Menschen aus allen Völkern, Zeiten und Breiten wohnen. .Wohl sind sie Kinder bestimmter Jahrhunderte und Länder und ihrer besonderen Not. Weil sie aber aus dem Herzen strömten, dringen sie auch immer und überall zu jedem Herzen.; In ihnen offenbart sich die Seele des alten jüdischen Volkes und ihr tiefstes .Leben in der Epoche vom Zusammenbruch des Staates bis zur makkabäischen Erhebung, etwa vom Jahre 600 bis zum Jahre 160 v.Chr., während bald eines halben Jahrtausends. Im Jahre 586 war das alte jüdische Königtum von seinem Schicksal ereilt worden. Im Strudel der Weltgeschichte war es mit dem großen Reich jener Tage, mit dem Babel des Königs Nebukadnezar, zusammengestoßen.- In einem hoffnungslosen Kriege war es zerstört worden, und der jüdische Stamm wurde an den Euphrat ins Exil verschleppt. Ein weitverbreitetes Bild von Eduard Bendemann zeigt die trauernden Juden an den Strömen Babylons. Unter einem mächtigen Baume am Wasser sitzt eine jüdische Familie, ein Jeremias in ihrer Mitte, die Harfe liegt am Boden. Das Bild malt, was der Psalm sagt:; „An den Strömen Babylons saßen wir und weinten, da wir Zions gedachten. An die Weiden am Strome hängten wir unsere Harfen, denn dort verlangten unsere Peiniger von uns Lieder und unsere Kerkermeister Freude. „Singet uns Lieder von Zion." Wie sollten wir das Lied des Ewigen singen auf fremder Erde!" Und alle Welt kennt noch heute den Schwur der Verbannten, den Heine wundervoll übersetzt hat: „Lechzend klebe mir die Zunge an dem Gaumen, und es dorre meine Rechte, wenn ich Deiner je vergeß', Jerusalem!"

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