Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
- Article
- Sonnengesang
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 15 - 16 (sequence 2)
- Language
- German
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15 Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu' Berlin '16 ODit meinen festen Wolfcenfäöenwergen Scbleif icb die Barken nacb am Scbnabelgriff Unö örossle ihren f5als mit golbnen Schnüren, Bufjaucb3en alle 5egel winögewiegt, Als liefjen sie sieb wissend von mir führen, Wo bas €leusis ihrer Träume liegt. Ich bin oft selbst ber Port ber Wolfcenscbiffe, Umflaggt von ihrem weifeen 5egelscbein. Sturm, Wipfelsteuermann, gellt seine pfiffe flueb willig meinem hoben Srieöen ein. 3uweilen aber bünfct es mich, a's griffe CDicb 3eus unb gösse aus midD Strom unö ßain, Rls war' icb ein Pokal voll (Deisterscbltffe, Durcblobt von toter F5er3en Opferwein. Ich bin ber unbestechlich schärfste Richter, leb überprüfe unö burd äug' bas RH, Die höchste Rubmeskrone bober Dichter, Der Genienbänöe SpieU unb föinberball. Icb bin bie Kühnste Jägerin, jäb pfeilen " Sieb meine Strahlen in bie Wälberseen. Ich jage bureb ber €wigkeiten (Deilen Unö bisse meinen fööcber mit Dropbä'n Ruf grüner früblingswipfel ßarfensebnüre, Die Vater pböbus' pfeilbli^ so öurcbscbnellt, Rls ob ein Sperber bureb Gewitter führe, ßinoonnernö bumpf wie ein Rrenabelb. Ich bin bie Cicbtersturmflut grauer Steppe, Der frommen pilgerströme (Dittagskleib, Der ßimmel aufgerollte Strablenscbleppe, Das flammenlieb ber scbwar3en €wigkeit, leb bin ber Rtber siegreich kühnstes Singen, Urweltmusik im Götterfestgemacb. So komm unb rausch' auf ßeraaölers Schwingen Der hoben Schönheit meiner Cieber naebl DIE ZWEITE AUSSTELLUNG IN DER KUNSTSAMMLUNG DER JUED1SCHEN GEMEINDE ZU BERLIN Von Moritz Stern. VI. Eine neue Zeit für Religionsduldung begann erst unter dem Sohne Maria Theresias, dem Kaiser Joseph II. Mit Staunen hörte die aufhorchende Welt, daß Vorurteil, Fanatismus, Parteilichkeit und Sklaverei des Geistes unterdrückt und jeder Untertan in den Genuß der angeborenen Freiheiten eingesetzt werden sollte. Am 13. Oktober 1781 erfolgte das bekannte „T o 1 e r a n z p a t e nt", durch welches den Protestanten freie Religionsübung und bürgerliehe Rechte unter gewissen Beschränkungen in allen österreichischen Ländern eingeräumt wurden. Für die Juden galten das Dekret vom 19. Ok* tober 1781 und weitere Gesetze des Jahres 1782. So weit ging freilich die kaiserliche Aufklärung nicht, auch den Juden bürgerliche Rechte zuzugestehen und sie in den Genuß der angeborenen Freiheiten zu setzen. Immerhin hatten sie Ursache, den Fortschritt der Zeit zu preisen; denn neue Bildungs* und Erwerbsmöglichkeiten erschlossen sich ihnen. Gewerbe, Ackerbau, Künste und Wissenschaften wurden ihnen zugängig gemacht und die Bildung der Jugend durch den Besuch von Normal* und Realschulen erleichtert. Judenabzeichen, Leibzoll und ähnliche Bedrückungen fanden ihr Ende. Die Medaillen, die zur Verewigung der 1781 bis 1782 erlassenen Gesetze von christlicher Seite geprägt wurden, feiern „die den Protestanten und Juden von Joseph II. in seinen Ländern gewährte Religionsfreiheit" (Nr. 230) und zeigen uns einen Bischof, einen Pfarrer und einen Juden, die ein* trächtig vereint sind und vom kaiserlichen Adler beschirmt werden (Nr. 231: Abb. 1). Die Medaille Nr. 247 ist 1881 zum 100. Jahrestage des Toleranzpatentes hergestellt worden. Die Judenheit bewahrt auch ohne Medaille dankbar die Erinnerung an den Fürsten, der ihnen trotz Beibehaltung mittelalter* licher Beschränkungen das Leben erträglicher ge* staltet hat. Hundert Jahre älter ist das für die Christen* heit bedeutungsvolle Ereignis der Eroberung Ofens durch das Heer Kaiser Leopolds I. Am 2. September 1686 wurde der Halbmond von den Zinnen der Hauptstadt Ungarns gestürzt und dort das siegreiche Kreuz aufgerichtet. Die kleine jüdische Gemeinde Ofens hatte die Leiden der Belagerung gemeinsam mit der türkischen Besatzung ertragen und dieser in der Verteidigung der Stadt und Festung namentlich auf der Wasserseite beigestanden. Wehe den Juden, wenn sie es nicht getan hätten 1 Im christlichen Belagerungsheer erzählte man sich übertreibend von der großen Anzahl der Ofener Juden und von ihren Reichtümern, mit denen sie die türkischen Verteidiger unterstützten und zum Widerstand gegen die Belagerer anspornten. Nach der Erstürmung der Stadt fiel daher die rachgierige Soldateska mordend und plündernd über das Juden* viertel her, steckte es in Brand und verwandelte Stadt und Festung in einen Schutthaufen. Wiederum war ein blühendes jüdisches Gemeindewesen ver* nichtet, seine Mitglieder wurden erschlagen oder in die Gefangenschaft geschleppt. Anstatt ihres Patriotismus ehrend zu gedenken, ist auf unserer Medaille Nr. 215 (Abb. 2) dargestellt, wie ein Türke eine Metallmasse in einem Schmelzofen hineinschiebt und daneben ein Jude mit einem Blasebalg das Feuer anfacht. Spöttisch fragt die Umschrift: „Wer