Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 1/2 Januar — Februar 192 2 XXII. Jahrg. OHA Von D. H. Es ist ein eigen Ding um Werke, die vcjr vielen Jahrhunderten geschrieben sind. Fast nur' das künstlerischem Geiste Entsprossene, die ,,schöne Literatur", .vermag uns noch heute ebenso zu fesseln wie den zeitgenössischen Leser, wenn nicht zeit-, begrenzte Manier den künstlerischen Kern unserem Blicke entzieht. Die Erzeugnisse des wissenschaftlicher, Denkens dagegen haben für d;e Nachwelt meist .im: noch historischen Wert, da die Leistungen einer Epoche von den folgenden Generationen verarbeitet, die Problemstellungen erweitert, vertieft oder anders gerichtet zu werden pflegen. Selten nur ist ein älteres Buch, das sich mit Problemen befaßt, auch für uns; noch von unmittelbarem Interesse. Solche Ausnahmen finden wir, wo das Werk eines Großen seiner Zeit vorauseilte und erst von der Gegenwart voll gewürdigt werden kann, oder wo eines der ewigen Menschheitsprobleme, an deren Lösung unser Gemüt und unser Verstand gleich' beteiligt sind, einen seiner typischen Lösungsversuche in klassischer Form gefunden hat. Beides vielleicht gilt von dem, Werke des um 1100 wirkenden großen (Mohammedaners Ghazali, dessen Grundgedanken soeben in einem Buche von J. Obermann *) zum ersten Male eine mit philosophischer Durchdringung verbundene lichtvolle Darstellung erfahren haben.!) J. Obermann, Der philosophische und religiöse Subjektivismus Ghazalis. Ein Beitrag zum Problem der Religion. Wien und Leipzig 1921, Wilhelm Braumüller. Die folgende kurze Charakteristik lehnt sich, abgesehen von einzelnen Abweichungen, an Obermanns Darstellung an. ZAL i B a n e t Ii Es ist das Problem der Religion, das Ghazalis Leben ebenso wie sein Wirken beherrscht. Schon als Knabe wird er von dem Gedanken gepeinigt, daß die Religion des einzelnen nicht auf freier Entscheidung für das Wahre beruhe, sondern Sache der Geburt sei, da doch das Kind jüdischer Eltern ebenso dem Judentum wie der Sohn von Mohammedanern dem Islam ergeben zu sein pflege. Er macht es sich zur Aufgabe, selbständig, ohne Anerkennung irgendeiner Autorität, zum Wesen der Dinge vorzudringen, und durchläuft dabei, ähnlich Descartes, alle Stadien der Skepsis bis zum Zweifel an den. letzten Grundlagen unseres Erkennens. Er gewinnt aber wieder festen Boden und geht nun daran^ das gesamte Wissen seiner Zeit sich kritisch' anzueignen, um es nicht nur zu beherrschen, sondern auch zu überwinden. Inzwischen ist der aus kleinen Verhältnissen stammende Waisenknabe zu einem der gefeiertsten Theologen und Rechtslehrer seiner Zeit geworden. Aber gerade dieser äußere Glanz1 bringt den tief in ihm wurzelnden religiösen Triebzum Durchbruch. Rücksichtslose Selbstprüfung führt ihn zu der Erkenntnis, daß sein jetziges Wirken nur weltlichen Zwecken diene, von der Ruhmsucht beherrscht sei, daß seine Seele nur fern von allen äußeren Ehren Heilung finden könne. Nach langem, hartem Seelenkampf gelingt es ihm, sich loszureißen, um sich' auf einsamen Wanderungen ganz der Läuterung, seines Innern von jedem, nicht auf Gott gerichteten Gedanken zu weihen. Elf Jahre lang führte er so das Leben der Ssufis,- jener mohammedanischen Asketen und mystischen Gottsucher; endlich' reift in ihm der Entschluß, in das öffentliche Leben zurückzutreten, um dem;