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Ost und West · 1905-01-01 · Heft 1 (Januar 1905) · p. Seite 17 - 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 1 (Januar 1905)
Article
Lesser Ury [Illustration]
Date
1905-01-01
Page
Seite 17 - 18 (sequence 1)
Language
German
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17 IS LESSER URY - AUSSTELLUNO IM SALON VON KELLER & REINER. Von M. R Am 6. Januar ist im Salon von Keller & Reiner zu Berlin eine Lesser Ury-Ausstellung grossen Stils eröffnet worden. In mehr als siebzig Bildern entrollt sich des Künstlers neuester Lebensabschnitt. Den Beginn der Epoche kennzeichnen zwei grosse Malereien. Bereits sieben Jahre zurück liegt das Schreckens- und leidensvolle Dreiflügelbild des Menschen und vier Jahre der Jeremias unter dem Sternenhimmel. Immer wieder mit baogender Seele treten wir vor diese Monumentalstücke, die den Heldentrotz zum Vater und das Menschenleid zur Mutter haben. So viel auch an ihnen herumgedeutelt, starren sie uns immer noch als düstere Rätsel an. Sie liegen da gleich Felsblöcken aus der Gigantomachie, aus Wolkenhöhen losgerissen und herniedergedonnert quer über den Weg. den wir mit unseren kleinen Sorgen und Hoffnungen einherwandeln. Mit einem bohrenden Unbehagen schreiten die Menschen von Berlin in weitem Bogen um die Kolosse herum. Aber wir können ihnen nicht entfliehen, wir sind mit unsichtbaren Demantketten an. ihnen festgeschmiedet. Da laufen wir im Kreis, und wenn wir die Augen heben, ragen die Kolosse ehern, stetig in den Nachthimmel oder in den Sonnenbrand empor. So ist es, wenn ein Eroberer auf seinem Zuge gewaltige Etappenmale aufrichtet. Ich begreife wohl, weshalb Ury den Kunstfreunden, die bei Keller & Reiner seine Landschaften zu sehen begehren, den „Menschen" undden r Jeremias" wieder vor Augen rückt. Heute schauen wir schon aus Lesser einem ganz anderen Gesichtswinkel als an der Jahrhundertswende. Vielleicht dass einerfragt, wieso Ury seine Sturmkraft vier lange Jahre zurückgehalten und keinen neuen Monumentalwurf getan oder gewagt hat. Ury beantwortet die Frage in der Ausstellung durch eine Reihe von Kartons und Entwürfen zu grossen Bildern. Nach dem Jeremias hat der Künstler das Moses- Motiv mehrfach variiert. Da sehen wir den Moses, der die Finsternis über das Aegypterland herauf beschwört, den Moses, der im Zorn die Gesetzestafeln über den Häuptern des abtrünnigen Volkes zertrümmert, und den Moses mit den neuen Gesetzestafeln. Weiterhin entstand der Entwurf zu einem riesengross gedachten Sintflutbild, und endlich sehen wir den jungen David im Gebet vor dem Kampf mit dem Goliath. Dieser Bilderkreis verhiess eine neue Epoche des Reifens, der Kraftsteigerung und der Zuversicht zum Siege grosser Kunst. Aber da kam niemand, der den Mut hatte, Mäcen für . p s i 1 b e r. die Bilder zu sein, und so schauen uns die Entwürfe mit stummem Vorwurf an. Es wohnen zwei Seelen in des Künstlers Brust.. Von aller Welt gefeiert und begeistert verehrt ist Ury der Schönheitsanbeter. Aber vor Ury, dem Bekenner und Wahrheitskünder, weicht die Menge noch immer scheu und feindselig zurück. Er ist ein anderer, wenn er im Schönheitsrausch der Gottesschöpfung uns die Gefilde des verlorenen Paradieses wieder erschliesst, ein anderer, wenn er, vom Leid der Zeit, der Menschheit und seines Volkes aufgestachelt, Kampfgebilde von urechter Prophetengrösse zu meistern trachtet. Es scheint dem Fernstehenden, als ob die beiden Seelen unversöhnt wider einander flackern, als ob sich eine Dissonanz durch sein Leben und Streben ziehe, als ob nie undnimmer die beiden sich aneinander zu einer höheren Einheit steigern würden. Man kann an Ury nicht das eine suchen und das andere meiden, wenn man den tiefen Sinn seiner Kunst erfassen will. Er ist kein Bildermaler schlechtweg, der da malt, weil ihn die Stimmung und das Motiv treibt, aus seinen entzückend zarten und innigen Landschaftsdichtungen weinen, beten und drohen dieselben Stimmen wie aus den Bildern des Menschen, des Jeremias und Moses. Aus den Lichtspielen der Natur wie aus den Schicksalen des Lebens weist derselbe Gottes-Finger. Hat man schon je daran gedacht, in Nietzsche den Poeten vom Denker zu trennen? Ich glaube wohl, dass man einstmals einen Nietzsche und einen Ury auf UTym dasselbe Postament heben wird als Verkünder und Priester der schmerzdurchfurchten und erhabenen Schönheit, deren Stern über den Werdewegen eines neuen Menschengeschlechtes leuchten wird. Gewiss gehen in unserer Ausstellung die Landschaften dem Auge und dem Herzen unmittelbarer ein als die düster grossen Symbolbilder. Unsagbare Wonnen leuchten aus den Abendglufen über den Grunewaldseen, den Thüringer Bergen und den Ufern des Gardasees. Urys Landschaftskunst ist in diesen Blättern vor zwei Jahren bereits Gegenstand eingehender Erörterungen gewesen. Etwas wesentlich Neues ist seitdem in den Pastellen nicht in die Erscheinung getreten. Aber es bahnt sich wiederum ein neuer Wendepunkt an. Betrachtet man die ganze Entwicklung seit zwanzig Jahren, so wird man finden, dass es niemals einen Stillstand, ein Verweilen in einer Manier, selbst nicht ein momentanes Ermatten gab, ein so folge- \

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