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Ost und West · 1904-12-01 · Heft 12 (Dezember 1904) · p. Seite 869 - 870

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 12 (Dezember 1904)
Article
Koriander, Chasan
Date
1904-12-01
Page
Seite 869 - 870 (sequence 6)
Language
German
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869 H. York-Steiner: Koriander, der Chasan. 870 Er gab den prüfenden Blick Bierbaums dankbar zurück. „Ich werde übermorgen singen," das waren seine ersten Worte.-- „Wie geht's mit der Stimm'?u frug Bierbaum. „Recht, recht gut, Gott sei Dank," war die Antwort. Am selben Abend im Heidelberger Hof verkündete der Buffo seinen Kollegen: „Er hat sich gefunden, der Koryan, er klaubt sich zusamm' — und die Stimm', ach die Stimm'! Na, das wird einmal ein Stolzing werden!" Auch das sprach sich in der Stadt herum, und alle Welt wollte die „Meistersinger" hören. Die offiziellen Kreise waren ohnehin am Geburtstag Seiner Hoheit im Theater, aber diesmal drängte sich die ganze Stadt zur Vorstellung. Man hatte soviel von einer romantischen Neigung des ungarischen Tenors zur Sängerin des Evchen gesprochen — es war auch durchgesickert, dass ein Graf um die Hand der Vestro angehalten hatte. Die einen erzählten, sie hätte den reichen Magnaten abgewiesen, die anderen wussten, dass der Kollege einen Korb bekommen hätte. — Manche hatten gehört, Koryan habe sich mit dem Grafen an der belgischen Grenze duelliert. Das gesamte Publikum war in einer merkwürdigen Erregung, die auf die Bühne übergegriffen hatte. Die ganze Aufmerksamkeit war dem Koryan zugewendet. Karabacsek hatte ein Glas Pilsener in die Garderobe geschickt, Witzleft kam schon eine halbe Stunde vor Beginn, um nach seinem Befinden zu fragen. „Denken Sie nur immer an den geistigen Inhalt dieser herrlichen Partie, dann kann's Ihnen nicht fehlen. Und .... ja .... so eine Ehre — der Geburtstag Seiner Hoheit. . . . Das hab' ich Ihnen zum Schiuss aufgespart: Seine Hoheit wünschte, dass Sie heute den Stolzing singen. Natürlich waren wir alle dafür." Bierbaum hatte seine Beckmesser-Maske rasch beendet und half den jungen Kollegen herausstaffieren. Mayersberger-Pogner guckte ihm boshaft ins Gesicht. „Schön schaust aus — so a Schminkerei!" Als Münchner hatte er das Renommee, sich auf die Verteilung von Farben zu verstehen; er setzte Fleischfarbe auf und Rot und wischte und drückte, trat zurück und vor, bis er zufrieden war . . . Alle hatten an seinem Kostüm, an seiner blonden Perücke zu ändern, zu zupfen und zu glätten; alle sagten zu ihm „du" und jeder versprach ihm, „die Daumen zu halten". Nur die Vestro hielt sich fern, was allen Teilen sehr angenehm war. — Schrottbach kam noch rasch auf die Bühne, besprach einige schwierige Einsätze mit ihm, und dann stieg er ins Orchester hinab. Die Unruhe im Zuschauerräume hatte sich gelegt; man hörte ein leises Klopfen, und das Vorspiel zu den „Meistersingern" ertönte in vollen Akkorden. Als Stolzing seine ersten Sätze sang „Verweilt — ein Wort, ein einzig Wort," ging wieder leises Rauschen durch das Haus, das sich noch einmal wiederholte, als Eva mit dem Satze „Mein Brusttuch — schau, wo liegt es", einsetzte. — Bierbaum hatte ihm vorher gesagt: „Druck' die Augen zu und denk', es ist eine andere, ein wirkliches Mädel aus Nürnberg." Er hatte nur so vor sich hingelächelt. — Die erste Begegnung mit Eva war vorüber. David, der Lehrjung, hatte ihn im „Kunstgesang" unterwiesen. Es kam die Szene mit den Meistersingern. . . In ihm blühte und klang es, ein ganzer Seeienirühiing duftete aus seinem Gemüt. Er sah das kleine schmucke Gotteshaus in Tamnitz, die lieben Gesichter seiner alten Gemeindemitglieder — sein Herz war feiertäglich gestimmt, und die Töne zogen sieghait aus der Brust. Die Kollegen schauten sich befriedigt an. Witzleff sagte: „Der ist ganz im Charakter seiner Partie." Schrottbach zwinkerte hinter dem Kneifer mit den Augen und nickte ihm vom Dirigentenpult aus freundlich zu. „Am stillen Herd zur Winterszeit, wenn Burg und Hof mir eingeschneit ..." die Weise klang so traulich, so heimatlich; und gar der Schiuss „Herr Walther von der Vogelweid', der ist mein Meister gewesen" — das war ein Sprossen und Quellen in der jugendlichen Kehle, dass ein Strom von Wohlbehagen alle Hörer umfing. Nach dem ersten Akte umringten ihn alle und ermunterten ihn mit aufrichtiger Freude. „So hat er noch nie gesungen — eine ganz frische, neue Stimme! Nein, dieser Timbre, dieser zarte innige Ansatz!", so klang es um ihn her. Bierbaum zog ihn nach dem zweiten Akt in die Garderobe. „Jetzt kommt die Hauptsache, das Preislied — jetzt zeig's ihnen allen!" — Es brauchte bei Koryan keiner Stimulanz ■— er war eingehüllt in weihevolle Erregung. Er fühlte jede Note auf seiner Seele und konnte kaum erwarten, die Spannung zu lösen und seine Empfindung zu entlasten. Ihm war wie einem Genesenen, nach schwerer Krankheit Auferstandenen, der seine Kräfte doppelt fühlt und alle Lebensäusserungen vielfach köstlich empfindet. Als er in der Werkstätte Hans Sachsens seinen Traum zu erzählen begann, war es ihm eine Weile selbst, als träumte er. Er nahm die Töne leise, leise, ganz versonnen und versungen — doch sie klangen hell und klar, sein eigenes Ohr umschmeichelnd. Er hörte sich selbst von innen singen, seine Stimme köstlich ertönen. „Morgendlich leuchtend in rosigem Schein, von Blüt' und Duft geschwellt die Luft —" Was er sang, er fühlte es . . . Eva hatte, wie es die Partie erheischt, ihm innig ins Angesicht gesehen, dann aber, vom Zauber seines Gesanges hingerissen, ihn mit den Augen geliebkost. Einen Augenblick zuckte es in ihm auf wie angefachte Glut. Es hatte kaum einen Augenblick gedauert. Dann aber richtete er sich auf, gerade als der Einsatz zum dritten Vers herankam. „Weilten die Sterne im lieblichen Tanz? So licht und klar Im Lockenhaar, Vor allen Frauen Hehr zu schauen, Lag ihr mit zartem Glanz Ein Sternenkranz." Seine Stimme wurde immer weicher, zarter, inniger. Fast körperlos, losgelöst von aller Schwere des Entstehens, zogen die Töne in den Saal. Die letzten Sätze: „Dort Huld-geboren, Nun Ruhm-erkoren, Giesst paradiesische Lust Sie in des Dichters Brust — Im Liebestraum" waren von solcher Empfindung getragen, dass Eva, die ihrer Rolle nach dem Hans Sachs weinend an die Brust sinken soll, wirkliche Tränen vergoss. Zum Glück deckte das anschliessende Quintett ihre Erregung. ---- Die Oper ging zu Ende, der Vorhang hob sich für die Verwandlung. Die Entwicklung der Handlung hatte ohnehin die Spannung aufs höchste gesteigert,

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