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Ost und West · 1904-12-01 · Heft 12 (Dezember 1904) · p. Seite 811 - 812

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 12 (Dezember 1904)
Article
Eliah, der Prophet
Date
1904-12-01
Page
Seite 811 - 812 (sequence 3)
Language
German
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811 Bar-Ami: Eliah, der Prophet. 812 mein Volk der Verdammnis. Soll ich sie beiseite schaffen? Dann habe ich die Sünde des Diebstahls auf meine Seele geladen." Schliesslich überlegte er, dass er lieber selber schuldig werden wolle, wenn er nur die anderen gerettet habe. Er wälzte also die ganzen Haufen zusammen und stürzte sie in den tiefsten Abgrund hinab, wo sie lautlos hinuntersanken und für immer verschwanden. Bald erschien Satan wieder, und als er merkte, was geschehen war, stimmte er ein iautes Geheul an, dass es durch alle sieben Himmel hallte. Er stürzte sich auf den Mann, nannte ihn Dieb und schleppte ihn vor den Thron Gottes und verlangte, dass er ihm, Satan, sechs Jahre lang als Sklave diene. Da gab es nun keinen Ausweg, denn es steht in der Thorah geschrieben, wenn der Dieb nicht bezahlen könne, so müsse er zum Sklaven verkauft werden. Nun sollte Satan sechs Jahre lang Rabbi Aharon Karliners unumschränkter Herr werden. Aber da erschien Eiiah, der Prophet, und sprach zu Gott: „Das ist recht, der Mannist nach dem Gesetze deiner Thorah der Sklaverei verfallen. Aber einen Sklaven kann man nach dem Gesetze deiner Thorah jederzeit loskaufen. Ich nehme die Sklaverei auf mich und befiehl du Satan, dass er den Mann freilasse." Satan war dieser Tausch recht, denn nun sollte Eliah, sein Widersacher, der ihm so manche Beute entrissen, ihm sechs Jahre lang dienstbar sein. Aber nach einer Weile sprach Eliah: „Nun sind die sechs Jahre um." — „Wieso?" — „Das ist ganz einfach. Wenn Du es mit einem Irdischen zu tun hättest, so dürftest Du nach irdischer Weise die Zeit berechnen. Aber wir hier, im Himmel zählen tausend Jahre für einen Tag. Meine Frist ist also zu Ende." Satan wusste sich da nicht zu helfen und musste Eliah recht geben. Aber seither wusste R. Aharon Karliner, was es bedeutet „Gott erkauft seine Knechte am Tage des Gerichtes." Doch die grösste Tätigkeit bleibt Eliah, dem Propheten, für die Zeit der Ankunft des Messias vorbehalten. Zahlreich sind die eschatologischen Sagen, aus alter und späterer Zeit, die sich an seine Gestalt knüpfen. Aber auch in manche Sage, zu der die messianischen Bewegungen der letzten Jahrhunderte Anlass gegeben haben, erscheint sein Name verwoben. So in der folgenden, die mir in drei nicht unerheblich voneinander abweichenden Varianten bekannt geworden ist, und die in einzelnen Zügen mit der bekannten Legende, die den Kabbalisten Josef della Reina zum Helden hat, einige Verwandtschaft aufweist. Es waren einmal zwei Jünglinge, die lernten gemeinsam in einer Jeschibah und waren miteinander durch innige Freundschaft verbunden. Endlich kam die Zeit, da sie voneinander scheiden sollten, und sie verpflichteten sich durch Handschlag, nach einigen Jahren zusammenzutreffen, um den Bund zu erneuern. Als sie nach mehrjähriger Trennung zusammenkamen, gedachten sie der alten Zeiten und sprachen von dem, was in der Welt vorging. Da sagte einer zum andern: „ Weisst Du, die Welt hat sich gar sehr verschlimmert, man hört von nichts, als von Verfolgungen, Gewalttaten, Sünden und Strafen, mit denen Gott die Menschen heimsucht. Es wäre schon höchste Zeit, dass Messias käme und uns die Erlösung brächte." Sie beschlossen also, Messias zu bringen. Nun fingen sie an, zu fasten und zu beten und sich in die heilige Lehre zu versenken Tag und Nacht. Dann begaben sie sich auf die Wanderschaft, indem sie sich unaufhörlich kasteieten und fasteten. Sie wanderten und wanderten, bis sie zu einer Hütte gelangten. In die Hütte traten sie ein, da bemerkten sie zwei Tauben, die in der Stube umherflatterten. Sie setzten sich hin, um ein wenig auszuruhen, dann holten sie aus ihren Säcken die heiligen Bücher hervor und fingen an, darin zu lesen, aber sie schliefen ein vor Müdigkeit, da kamen die Tauben herbeigeflogen und flüsterten ihnen ins Ohr: „Fastet noch vierzig Tage, dann wandert weiter, bis ihr ein eisernes Tor trefft, welches mit sechs Schlössern verschlossen ist, von denen jedes mit sechs Schlüsseln eröffnet wird." Die Freunde erwachten und machten sich auf den Weg. Unterwegs begegneten sie Eliah, dem Propheten, der zu ihnen folgendes sprach, während er ihnen seinen Stab nebst einem Schlüsselbunde überreichte: „Sobald Ihr das Tor geöffnet habt, werdet Ihr Euch im Paradiese befinden, aber Ihr müsst gerade vor Euch hingehen, ohne Euch nach rechts oder links umzusehen. Dann werdet Ihr einen gläsernen Berg sehen und hinter dem gläsernen Berg noch sechs andere solche Berge. Habt Ihr alle diese Berge überschritten, so werdet Ihr im Vorhof der Hölle angelangt sein. Dann müsst Ihr weiter wandern, bis Ihr eine Höhle findet. In dieser Höhle wohnt der Jezer-hara. Hier übergebe ich Euch eine Kette, damit müsst Ihr den Jezer-hara fesseln und ihn zu mir hierher bringen. Ich werde auf Euch warten. Wenn auch das gelungen ist, dann wird Messias kommen. Doch müsst Ihr Euch sehr in acht nehmen, dem Jezer-hara unterwegs keine Nahrung zu reichen, nicht einen Bissen, Ihr müsst ihn aushungern und kein Erbarmen mit ihm haben, wie er auch bitten und heulen wird. Wenn er auch nur das kleinste Teilchen Speise von Euch erhält, überwindet er Euch sofort, reisst sich auf der Stelle los, und all Eure Arbeit ist vergebens gewesen." Die Wanderer gingen weiter und erreichten endlich das Tor mit den sechs Schlössern, von denen jedes sechs Schlüssel hatte. Sie schlössen es auf und traten in das Paradies. Hier herrschte eine Helligkeit, die man mit Händen fassen konnte. Unsere jungen Leute sagten sich, wenn es hier so hell ist, wird es in der Hölle ebenso finster sein, sie nahmen also eine Handvoll Licht und taten es in ihre Säcke. Endlich sahen sie die sieben gläsernen Berge vor sich, Sie fingen an hinaufzuklettern, fielen aber immer wieder

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