Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Isaac Snowman
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 783 - 784 (sequence 2)
- Language
- German
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7S3 R. Samuel: Isaak Snowman. 784 bereitung in den besten Kunstschulen Londons und Uebungen nach der Antique im British Museum mit siebzehn Jahren die Royal Academy. Nachher studierte er in Paris unter Bougereau und M. Constant. Erfolg und Misserfolg wechselten eine Zeitlang im Entwickelungsgang des jungen Mannes. Ein kleines Bild, welches ein Liverpooler Kunsthändler gekauft und in der Nähe der dortigen Fruchtbörse ausgestellt hatte, erregte den Gefallen eines Getreidemaklers, und dieser berief den jungen Maler und beauftragte ihn, das Porträt seiner Frau zu malen. Die Aufträge aus diesem Kreise folgten einander, und dem Maler winkte reiche Ernte. Doch trieb ihn der Ehrgeiz alsbald, diese Goldquelle zu verlassen, und er kehrte nach London zurück, um für die Royal Academy sein erstes grosses Gemälde „Erzählungen eines Grossvaters" zu malen. Bald darauf nahm er an der bekannten, von Israel Zangwill organisierten Pilgerfahrt nach dem Heiligen Lande teil. Das Malerische und zugleich das Historische und Poetische der dortigen Landschaften und Oertlichkeiten machten auf seine Phantasie und sein Gemüt einen tiefen und befruchtenden Eindruck. Er beschloss, die „Klagemauer" zu malen, ein von vielen Malern verschiedener Nationen, die Jerusalem besucht haben, schon behandeltes Thema. Studien und Skizzen entwarf er an Ort und Stelle, auch die tragische und ergreifende Stimmung, die über dem Bilde der Tempelruine und den Klagenden schwebt, konnte ihn niemand hindern, festzuhalten. Aber — keiner von den dortigen Glaubensgenossen konnte sich entschliessen, ihm zu dem Bilde zu sitzen. Ein Jude aus Jerusalem, der dem berühmten englischen Maler Mr. Holman Hunt zu einem Bilde gestanden hatte, wurde von den heiligen und beschränkten Wächtern der Frömmigkeit dortselbst ob dieses entsetzlichen Frevels in den Bann getan — und es bedurfte erst der Verwendung Mr. Hunts beim Chief Rabbi von London, um den armen Mann zu retten. So musste denn Snowman, wieder nach London zurückgekehrt, in East End sich Modelle suchen, um die „Klagemauer" zu Ende zu führen. Das Bild ist viel bewegter und dramatischer, als die anderen über denselben Stoff. Von da ab sehen wir Snowman gern Szenen aus dem jüdischen Leben mit realistischer Treue, feiner und eindringender Beobachtung und tiefem Verständnis für die eigenartige Poesie und zugleich für den Humor dieses Lebens darstellen. Zugleich hört er nicht auf, historische Bilder aus der Bibel zu malen. Zu den ersteren gehören u. a. „Eine schwierige Talmudstelle*4, „Morgengottesdienst in der Chevra- Synagoge", — aus der Reihe der letzteren seien erwähnt „Josef, Pharaos Träume deutend", und „Josef, zum Regenten von Aegypten ausgerufen". Dabei zieht ihn das heitere, frohgemute Leben im Sonnenschein an, und er malt hübsche Frauen und schöne Kinder im Grünen spielend, mit den Müttern schäkernd, oder unter dem Auge des Gross vaters Tanzunterricht nehmend („ Fusstapfen", Geschäftiger Müssiggang", „Die Kinderstunde", „Reife Kirschen", „Erwartung", „Schmetterlinge"). Eine üppige, reiche Fruchtbarkeit, voll saftiger, überschäumender Jugendkraft und Weltfreude kennzeichnen dieses frische, vielverheissende Talent, von dem man noch viel erwarten darf. KORIANDER, DER CHASAN. Von H. York-Steiner. II.*) Nachdruck verboten. In der Kanzlei des Hoftheaters war Regiekonferenz. Die „Meistersinger" sollten in den Spielplan aufgenommen werden, was nicht geringe Sorgen brachte. Seine Exzellenz, der Herr Intendant, blickte die Herren recht ungnädig an. Der Herr Opernregisseur "Witzleff ereiferte sich ein wenig, und Seine Exzellenz liebte keinerlei Erregung. Aber Witzleff Hess sich heute gar nichts anfechten. „Wenn Exzellenz befehlen, dann will ich den Koryan bearbeiten, schliesslich die Figur und die Stimme hat er; das Kostüm und die blonden Locken helfen auch mit — aber — aber es ist gewagt, recht gewagt. Der Stolzing ist so eine Art Verkörperung des edlen Deutschtums geworden — es gehört zu dieser Partie angeborene Empfindung, dieses gewisse zart Sieghafte." Seine Exzellenz wurde ungeduldig. „Sie kennen da meinen Standpunkt, Herr Oberregisseur — ich glaube an dergleichen nicht, das sind so Wippchen für die Blätter. Hat das geehrte Publikum viele Jahre hindurch den alten" — das Wort „alt" wurde scharf betont, so dass Witzleff bis unter die glatte Perücke errötete — „den alten Stielke als jungen Stolzing be- Siehe „Ost und West" Heft 10. wundert — kann's auch einen jungen, hübschen Anfänger goutieren. . . . Was meinen Sie, Herr Hofkapellmeister?" Der Herr Hofkapellmeister Schrottbach überlegte eine Weile. Im Grunde war es ihm recht gleichgültig, wer den Stolzing sang, ob Stielke oder Koryan; ihm war es wichtig, dass die Oper gut „gehe" und seine Leitung günstig besprochen werde. Musikalisch sicher waien beide, und Stielke schien „oben" für diese Partie unmöglich. Da aber Witzleff mit Stielke sehr befreundet war, und der alte Tenor einflussreiche Freunde besass, suchte er seinen Rückzug zu decken. Er nahm seinen Kneifer in die Hand, strich das blonde Schnurrbärtchen zurecht, lächelte verbindlich und antwortete mit einer leichten Verneigung: „Exzellenz haben ganz recht — gehen wird es und gehen muss es, die Frage ist nur, ob sich der Koryan nicht ins eigene Fleisch schneidet. Es ist ganz merkwürdig mit dem Menschen. Ais Troubadour, als Prophet, in der Jüdin kolossal. Stimme — Vortrag — Temperament — alles. Aber bei den eigentlich deutschen Opern, besonders bei Wagner — da lässt er im Stich. Sein Lohengrin war eine sehr mittelmässige Leistung."