Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Dr. Isaac Prager [Illustration]
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 769 - 770 (sequence 1)
- Language
- German
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769 Briefe^aus dem Breslauer Seminar von 1856 bis 1861 von Joseph Perles. 770 h Dr. Isaac Prager Landrabbiner in Cassel, geb. 1847, im Seminar 1869—77. Strömungen des prophetischen Geistes, sondern hauchten die sie begeisternde, heilige Glut in kunstreichen dichterischen Schöpfungen aus. Mit dem Erlöschen des Prophetentums erlosch keineswegs das dichterische Feuer, der Sinn für freie, selbstän dige Erzeugnisse des Geistes. Eben in der Leidensschule des Exils wurde die Au fmerksamkeit vieler von den unerquicklichen, materiellen Verhältnissen auf die Trösterin Poesie geleitet. Man suchte sich für die eingebüsste staatliche Unabhängigkeit eine Autonomie im Reiche des Geistes zu verschaffen und an die Stelle des früheren glanzreichen äusseren Lebens eine Welt der Innerlichkeit, des Gemütes, der Phantasie zu setzen. Nach derselben Konsequenz musste sich in den späteren Jahrhunderten des Druckes und der Verfolgung eine andere Richtung besonders geltend machen. Die wahnbefangenen, fanatischen Söhne des Mittelalters, in deren Mitte das allgemein gehasste Israel sein kümmerliches Dasein fristete, überschritten in ihrem Benehmen gegen dasselbe alle Schranken der Mässigung und scheuten kein noch so arges Mittel, die Juden geistig und körperlich elend zu machen. Das Zeitalter der Religionsverfolgungen drohte Israel ganz zu vernichten und aus der Reihe der Nationen zu verbannen, aber die glaubensstarken Abkömmlinge der Hasmonäer vermehrten nicht die Schar der Dreieinigkeitsbekenner und — Hessen die Todestaufe an sich vollziehen. In den Tagen jenes namenlosen Elendes war es wieder die Poesie, durch deren Hilfe man den im Innern tobenden Kampf beschwichtigte und den grenzenlosen Schmerz, der vor Fürsten sich nicht aussprechen durfte, dem Liede anvertraute. So entstanden jene mit Blut und Tränen geschriebenen Dichtungen, jedenfalls nicht allein durch die schaffende Einbildungskraft, sondern durch die Verhältnisse selbst hervorgerufen. Die Wahrheit und Innigkeit der in denselben ausgesprochenen Empfindungen, der stete Wechsel von rührender Klage und froher Hoffnungsäusserung und der sie durchwehende religiöse Geist machen diese Dichtungen zu den unschätzbarsten, plastisch vollendetsten Schöpfungen der jüdisch-poetischen Nationalliteratur. Doch es waren nicht bloss solche Schmerzensakkorde, die sich der gramdurchwühlten Brust der Dichter entrangen. Auch andere zu freudigen Gefühlen stimmende Klänge tönen aus jenen Zeiten zu uns herüber, Wilhelm Münz es sind die synanogalen Rabbiner in Gleiwitz, ~ J ° geb. 1857, im Seminar 1878-84. Uesange, die — Wenn Dr. David Simonsen Oberrabbiner in Kopenhagen, geb. 1853, im Seminar 1874-79. wir von vielen verseschmiedenden Pajtanim absehen — die reinste Hingebung an Gott, die ungestillteSehnsuchtnach dem Stammlandeinkräftigen Zügen ausprägen. DidaktischePoesien mussten naturgemäss durch die ernste Richtung der Zeit hervorgerufen werden, und — was jedenfalls merkwürdiger und als psychologisches Problem zu erklären schwieriger ist — neben den durch ihren bald ernsten, bald witzigen Inhalt anziehenden Makamen ist uns eine nicht unbedeutende Anzahl von schäkernden, tändelnden Minneliedern erhalten. Freilich ist die von den jüdischen Barden gepriesene Minne nicht immer mit der oft niedrig sinnlichen der Deutschen zu vergleichen; es ist vielmehr eine von Gott durchgeistigte, von der Religion getragene Minne, die aber nichtsdestoweniger in der üppigsten Jugendfrische uns entgegenleuchtet. Es lassen sich hier bereits arabische Einflüsse wie später die Einwirkungen der neueren Literaturen auf die jüdische nachweisen, immer bleiben jedoch die Dichter der letzteren dem Inhalte nach original und können nie einer Nachbeterei, eines geistlosen Paraphrasierens bezichtigt werden. Schon die Eigentümlichkeit der hebräischen Sprache schützte sie davor. Wie sehr in der neueren und neuesten Zeit die jüdischpoetische — denn diese habe ich hier vorzüglich im Auge — Literatur in die gewaltigen Bewegungen des neuerwachenden Geisteslebens mit hineingezogen wurde und bei alledem ihre selbständige Stellung nicht aufgegeben hat, bedarf keiner besonderen Dokumentierung. Es bewährt sich also durch die Geschichte, dass die Poesie ein dem jüdischen Volke inhärirender, mächtiger Faktor seines geistigen Lebens ist und als Triebkraft zur Erweckung der edelsten Gefühle stets erfolgreich angewendet wurde. Ob die Judenheit unserer Tage dies gehörig zu würdigen verstanden, will ich einstweilen unerörtert lassen..... Dir über mein hiesiges Leben, meine Studien Aufschluss zu geben, sei mir für jetzt erlassen; ich hole dies bei einer anderen Gelegenheit nach. In kurzem: meine hiesige Stellung, das hiesige, irisch pulsierende Geistesleben sagt mir vollkommen zu, und ich bin auch mit mir nicht ganz unzufrieden..... Breslau, Ende Januar 1857. . . . Zuvörderst muss ich Dir sagen, dass Deine Jeremiade über die Zustände der Gemeinde X nur das Produkt einer irrigen Auffassung ist. Nach dem naturgemässen Gange der Dinge musste ein solches Ereignis eintreten. Ein Mann, dem es um den eigentlichen Religionsunterricht gar nicht zu tun war, der vielmehr eine mit der Religion im diametralen Gegensatze stehende Sache im Auge hatte, konnte nur auf diese Weise zur Vernunft gebracht werden. Ist er Seelsorger im Sinne der Schrift und fasst er seinen Beruf ideal auf — nun, so stehen ihm noch tausend und abertausend Wege offen, wohltätig zu wirken, und er kann auf die Jugend nach wie vor einen moralischen Einfluss üben. Ist er es nicht und war er blofs eigener Versorger, so ist die angewandte