Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-11-01 · Heft 11 (November 1904) · p. Seite 765 - 766

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 11 (November 1904)
Article
Briefe aus dem Breslauer Seminar von 1856 bis 1861
Date
1904-11-01
Page
Seite 765 - 766 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583929-2590941--04560-2591049
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

765 Briefe aus dem Breslauer Seminar von 1856 bis 1861 von Joseph Perles. 766 deren Träger in der Folgezeit in treuem Festhalten an den Idealen der Jugend von Stufe zu Stufe fortschreitend Judentum und Wissenschaft bis an sein allzu frühes Ende in immer reineren Akkorden zusammenklingen Hess und in vollkommener Harmonie in sich selber verkörperte. Der Adressat der nachstehenden Briefe, Herr Alexander Stern in Budapest, früher in Baja, war ein Jugendfreund meines Mannes. Er gehört zu den immer seltener werdenden Personen, die, wie es in einem der Briefe heisst, „trotz ihrer kaufmännischen Tätigkeit es nicht verschmähen, sich auch gelegentlich in den heiligen Urkunden unserer Religion umzusehen". Trotzdem wird man also im Auge behalten müssen, dass es ein Laie ist, an welchen diese Briefe sich richten, aber ein Laie, der durch warme Begeisterung und tiefe Frömmigkeit ausgezeichnet ist. Er sandte uns vor einigen Jahren diese ihm als Heiligtum geltenden Briefe in der richtigen Voraussetzung, dass sie auch für weitere Kreise ein Dokument bilden, in dem auch nicht mit einem einzigen Worte, selbst dem intimen Freunde gegenüber, der angeborene Adel der Gesinnung, die Würde, der wissenschaftliche Ernst verleugnet wird. Auch die hier weggelassenen Stellen, die ohne Interesse für weitere Kreise sind, tragen ohne Ausnahme denselben Stempel. Freilich, wären die Briefe, die mein Mann während seiner Breslau er Zeit an seinen Vater geschrieben, nicht durch einen unglücklichen Zufall vernichtet worden, sie hätten mehr und ganz anderes geboten, und wären nicht nur für seinen eigenen Werdegang, sondern auch für die glänzende Anfangsgeschichte des Breslauer Seminars von hohem Werte gewesen. Denn sein Vater Baruch Ascher Perles war selber ein gelehrter Rabbiner, ein im alten Sinne frommer Talmudist, und dabei ein merkwürdig aufgeklärter, unter den damaligen ungarischen Rabbinern fast einzig dastehender Mann. Dass gerade ein solcher Mann der erste war, der seinen Sohn als Schüler am Breslauer Seminar anmeldete, hob Frankel stets mit besonderer Genugtuung hervor. Rosalie Perles. # •* * Herrn Alexander Stern, Baja. Breslau, 14. Januar 1856. Von einer grossen Reise, deren Eindrücke meine ganze Seele erfüllten, an dem Ort meiner Bestimmung angelangt, noch blutend an den Wunden, die eine plötzliche Trennung von den Teuren in der Heimat mir schlug, musste es mein erstes Geschäft sein, mich mit meiner Aufgabe bekannt zu machen, das Terrain, auf welchem ich zu wirken habe, zu rekognoszieren, und siehe da! das in meiner Vorstellung schon schwierig gedachte Tagewerk stellte sich meiner unmittelbaren Anschauung als riesenhaft dar, das Gebiet, in dessen Grenzen ich mich bewegen sollte, erwies sich als grenzenlos, die Anforderungen, welche an den mit Erfolg auf diesem Felde Wirkenden gestellt werden, mussten meine sämtlichen Geistestätigkeiten in Anspruch nehmen. Wie sollte ich da, ausgerüstet Dr. Joseph Perles geb. in Baja (Ungarn) 1836, im Seminar 1855—62, 1862 Rabbiner in Posen, 1871 Rabbiner in München, gest. daselbst 4. März 1894mit dem besten Willen, nicht alle Rücksichten ausser acht lassen, die mich etwa von meiner jetzigen Aufgabe abziehen könnten! Wie musste ich da alle Gefühlsregungen und Betrachtungen unterdrücken, die auf meine gegenwärtigen Bestrebungen einen störenden Einfluss ausüben, um so mehr als die Realisierung dieser Bestrebungen eine schwierige, in neblichter Ferne liegende, mit harten Kämpfen auf den Schlachtfeldern der Gedanken verknüpfte ist! So kam es denn, dass ich in dem ersten Stadium meiner neuen Laufbahn mich von allem fernhielt, was früher den eigentlichen Inhalt meines Lebens ausmachte, und mich unbedacht jener Wissenschaft ganz in die Arme warf, die sich meinem trunkenen Auge unter der anlockendsten Gestalt zeigte und reichlichen Lohn verhiess und mich zu ihrer Pflege aufmunterte. Der Lohn ist auch keineswegs ausgeblieben. Ich finde, abgesehen davon, dass der Besitz der Wissenschaft mich für die mit ihrer Erringung verknüpften Schwierigkeiten entschädigt, in der durch lebende Beispiele bewahrheiteten Ueberzeugung Kräftigung und Ersatz, in der erlangten Ueberzeugung nämlich, dass unsere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.