Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Date
- 1904-11-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 11 November 1904 IV. Jahrg. EIN FREUDENFEST DER Jl Am Anfange dieses Monats feierte das Breslauer Jüdisch-theologische Seminar das fünfzigjährige jubiläum seines Bestehens. Aeusserlich prunklos, ohne Lärm und Geräusch vollzog sich die schlichte würdige Festlichkeit. Ehemalige Zöglinge hatten sich um ihre Alma mater versammelt und brachten eine stille Huldigung dar der Lehrstätte und den Manen der heimgegangenen Grossen, die sie vor einem halben Jahrhundert begründeten und dann ein Menschenalter hindurch oder noch länger an ihr wirkten und ihr den Stempel ihres Geistes aufdrückten. Aber nicht nur die Zöglinge der Anstalt, sondern viele, viele in allen Ländern Europas und auch in Amerika, viele, viele die nicht anwesend waren, verbanden sich im Geiste, um dieser vornehmsten Pflanzstätte der modernen jüdischen Wissenschaft einen Gruss der Dankbarkeit und der Ehrerbietung zu senden. Das Breslauer Seminar ist jedem Juden ehrwürdig, nicht nur als die älteste Anstalt ihrer Art in ganz Europa, sondern noch mehr als die Stätte, an der die moderne jüdische Wissenschaft zuerst eine wohlbegründete und sichere Zuflucht fand, von wo aus sie hinausgehen konnte, um die besten Geister unter den Juden aller Länder zu erobern — als die Stätte, an der Männer geschaffen und gelehrt haben, deren ruhmreiche Namen mit der Geistesgeschichte des jüdischen Volkes im neunzehnten Jahrhundert lür immer verknüpft bleiben werden. Der hochherzigen und weisen Munifizenz eines einzelnen Mannes, DISCHEN WISSENSCHAFT. der in den strengjüdischen Traditionen einer alten Patrizierfamilie aufgewachsen war, verdankte sie ihre materielle Basis, auf der in sturmbewegter Zeit von gütigen und starken Händen der Bau aufgerichtet wurde, der heute noch unversehrt ragt. Links und rechts tobte der Kampf um die sogenannten „Reformen" der jüdischen Religion, und in den Männern, die damals auf die Lehrstühle der iungen Anstalt sich niederliessen, um die Wissenschaft des Judentums zu lehren, erblickte man gemeinhin die „Vermittler" zwischen den widerstreitenden Richtungen. Sehr mit Unrecht. Sie waren keine Vermittler zwischen den Parteien, sondern sie standen über den Parteien, sie standen jenseits von dem Getriebe der hadernden Zeitströmungen, sie sahen ein, dass Parteien kommen und vergehen, aber das Judentum besteht, dass die Schlagworte des Tages verhallen, aber der Geist ewig lebt. Und der Erforschung des Geistes des Judentums, wie er in seiner Geschichte und in seinen literarischen Denkmälern waltet und sich offenbart, widmeten sie ihre Kraft und ihr Leben. Gross ist denn auch die Zahl der aus dem Breslauer Seminar hervorgegangenen Männer, die nicht nur als Rabbiner die Träger und Verkünder der jüdischen Lehre in aller Herren Ländern, sondern auch durch Werke von dauerndem Wert Mehrer der jüdischen Wissenschaft, Förderer und Vertiefer des jüdischen Geistes geworden sind. Nach dem Muster des Breslauer Seminars sind seither ähnliche Lehr-