Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 723 - 724

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Was ist eine Nation?
Date
1904-10-01
Page
Seite 723 - 724 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583928-2590778--04451-2590865
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

723 Aphorismen. 724 gejubelt, gehofft zu haben, das ist mehr wert als gemeinsame Zölle und nach strategischen Erwägungen gezogene Grenzen. Das versteht man trotz der Verschiedenheiten der Rasse und der Sprache. Ich sagte eben, „zusammen gelitten zu haben": ja, gemeinsames Leid vereinigt fester als Freude. Bei nationalen Erinnerungen sind Trauerzeiten mehr wert als Triumphe, denn sie erlegen Pflichten auf; sie rufen gemeinsames Streben hervor. Eine Nation ist also eine grosse Einheit, aus dem Bewusstsein herausgebildet, Opler gebracht zu haben und ferner welche bringen zu wollen. Sie setzt eine Vergangenheit voraus; sie beweist indessen in der Gegenwart ihre Berechtigung immer von neuem durch eine deutliche Tatsache: durch den klar ausgedrückten Wunsch eines gemeinsamen Lebens. Einest Renan (Discours et Conferences). * * * ,,Die ersten Juden — nicht die ihr Wesen und ihren Stamm verleugnenden Grossstadljuden — sind ein rein aristokratisches Volk, bei dem nicht nur ein wStamm, dem Adel ähnlich, die erbliche Ausübung gewisser solenner gottesdienstlicher und staatlicher Funktionen innehat, sondern bei dem sogar das ganze Volk sich selbst und seine Art für auserwählt, für ausschliesslich erstrangig erklärte. Sie sind gross geworden durch Anwendung des rein aristokratischen Grundgedankens: Menschenzüchtung durch Reinhalten der Rasse, Züchtung von gewissen, erstrebten Eigenschaften durch Verbindung von zwei Familien, in denen beiden diese Eigenschaften schon länger lebendig sind. . . . Dies ist der Urgrund des historischen Bewusstseins bei den Juden wie beim Adel. Und das hat mich bei diesem Volke immer so besonders angezogen, das mutige Verfechten dieser seiner Eigenart. Börries, Freiherr von Münchhausen. „Geheimnis des geistigen Schaffens", erschienen in den Monatsblättern für deutsche Literatur, VII, 2. REVUE DER PRESSE. (Der Sturm im Glase Wasser. — „Untertauchen" — Trübe Seelen. — Der Feldzug gegen die Fledermäuse. — Ethik und Aesthetik. — Harden, Rathenau und noch jemand. — Cheder und Cabaret. — Pseudonymer Heldenmut. — Was ein Bibliothekar nicht zu verstehen braucht. — Die schlimmen Folgen der Prahlsucht. — Der Löwe und der Sachse.) Nachdruck verboten. Es ging ein eigentümliches Rauschen durch den jüdischen Blätterwald in den letzten Wochen. Da hatte wieder einmal einer einen Artikel geschrieben, in dem er haarklein bewies, dass die Juden ein gutes Geschäftchen machen könnten, wenn sie sich taufen lassen möchten. Den Artikel veröffentlichte er in einer sensationslüsternen Berliner Wochenschrift. Er war reichlich mit ästhetisierenden und allermodernsten philosophischen Phrasen gespickt, tat furchtbar gelehrt, verriet aber einen groben Mangel an Kenntnis der jüdischen Lehre, vollends an jeglichem tiefern Verständnis und wissenschaftlichem Durchringen derselben. Die Form war glitzernd und schillernd, es fehlte ihr an Ruhe und Einheitlichkeit, im allgemeinen aber war sie ungleich besser als der Inhalt. Jeden aufmerksameren Leser mussten nicht die Ausführungen des Artikels, sondern dessen Verfasser interessieren, natürlich nicht etwa als tiefer Geist, sondern als pathologische Erscheinung. Das war offenbar eine jener zerrütteten Naturen, die weder die Kraft besitzen, etwas aufrichtig und hingebungsvoll zu lieben, noch kräftig zu hassen, denen die Gabe versagt bleibt, sich in irgend etwas geistig zu vertiefen und es sich innerlich anzueignen, die aber gleichwohl, von einem falschen Appetit gereizt, es nicht lassen können, an der Oberfläche herumzunaschen und sich mit unverdauten Leckerbissen den Magen zu verderben. Zu schwach, um das Leben herzhaft anzufassen und sich mit eigner Faust ein Dasein zu zimmern, fehlt ihnen aber auch die Fähigkeit, sich zu bemeistern und die innere Ruhe zu erlangen. Es ist dies der bekannte Vagantentypüs, auf das Gebiet des Sittlichen übertragen. Solche Menschen irren ihr ganzes Leben, mit sich und der Welt überworfen, ohne Seelenfrieden umher, von einer krankhaften Sehnsucht umhergetrieben, irgendwo unterzutauchen, unterzugehen, ihrem Dasein ein Ende zu machen; aber Hand an sich zu legen, fehlt ihnen die Courage. Sie sind einerseits zu einer gewissen weinerlichen Rührseligkeit, andererseits zum Cynismus geneigt, der aber, weil es ihnen an Geist mangelt, platt und witzlos ist. Dabei sind sie gewöhnlich feig und hinterlistig und, in die Enge getrieben, werden sie dreist und unverfroren. Denkt man sich ein mit solchen Eigenschaften behaftetes Individuum als Juden, so ist es klar, dass es zeit seines Lebens zwischen feigem Verrat, und kraftloser Anhänglichkeit am Judentum hin- und herpendeln und nimmer zu jener gereiften inneren Harmonie gelangen wird, die eine Synthese zwischen der Lehre und der Lebensanschauuhg des Judentums und dem wertvollsten Inhalt der modernen Bildung schafft und so eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.