Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Lesefrüchte
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 721 - 722 (sequence 1)
- Language
- German
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721 722 •LESEFRUECHTE." Von Hugo Sc In der „Neuen Rundschau" veröffentlicht der bekannte Literarhistoriker Georg Brandes Lebenserinnerungen. Da heisst es an einer Stelle: „Es gab jedoch auch andere feindliche Mächte, als die Polizei und den Feind, unheimlichere, weniger handgreifliche. Wenn er dem Dienstmädchen nachtrollte, das den jungen Bruder an der Hand hielt, hörte er zuweilen hinter sich etwas rufen, und wenn er sich umwandte, erblickte er einen grinsenden Jungen mit verzerrtem Mund und drohenden Händen. Lange Zeit hatte er nicht weiter darauf geachtet, aber allmählich kehrte der Ausruf öfter wieder, und er fragte das Mädchen, was er bedeute. Sie antwortete: Ach, nichts! Auf seine wiederholten Fragen sagte sie nur: Das ist ein garstiges Wort. Aber eines Tages, als er von neuem den Ausruf vernommen hatte, wollte er Bescheid wissen, und als er nach Hause kam, fragte er seine Mutter: Was bedeutet das? — Jude! sagte die Mutter, Juden, das sind einige Menschen. — Garstige Menschen? — Ja, antwortete die Mutter lächelnd, zuweilen recht hässliche Menschen, doch nicht immer. — Kann ich einen Juden zu sehen bekommen? — Das kannst Du wohl, antwortete die Mutter und hob schnell den Elleinen zu dem grossen ovalen Spiegel empor, der über dem Sofa hing. Er stiess einen Schrei aus, der die Mutter bewog, ihn eiligst wieder auf den Fussboden herabzulassen, und er zeigte sich so entsetzt, dass die Mutter bedauerte, ihn nicht vorbereitet zu haben." So war des Kindes Georg Brandes erster hachtel- Breslau. Eindruck vom Juden. Heute ist der Jude Georg Brandes begeistert vom Freiheitskampfe des polnischen Volkes und vom Freiheitskampfe des armenischen Volkes. Die Juden, sein Volk, sind ihm kein Volk, ihrem Ringen um ein nationales Sein steht der sonst so feine Seelenanalytiker verständnislos gegenüber. * * * Aus einem Nachruf Theodor Kappsteins für Moriz Lazarus: «Sein jüdisches Volk wird es diesem Manne niemals vergessen dürfen, wie treu und frei er für ihre religiösen und nationalen Interessen mannhaft eingetreten ist, und die "Welt der Wissenschaft wird dem gelehrten und feinsinnigen Ethiker des Judentums, der ein ebenso tiefgründiger Forscher wie ein leuchtender Mensch war, einen Ehrenplatz in ihren Reihen anweisen." Und Moriz Lazarus hatte doch wohl einmal nachgewiesen, dass die Juden kein Volk, keine Nation seien? * * * Fr. Naumann schrieb einmal in der „Hilfe": „Ein Volk, das seine Politik nicht ernst nimmt, verdient, dass ihm eine schlechte Politik gemacht wird. Glaubt man, dass ein Volk, dem die Politik zur Nebensache und zum Geschwätz geworden ist, grosse politische Köpfe aus sich erzeugen und unterstützen kann? Und wieviel verliert jeder, der politisch gedankenlos lebt? Er ist ein totes Glied seines Volkes." APHOR Was ist eine Nation? Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die eigentlich nur eins sind, bilden diese Seele, dies geistige Prinzip. Eines ist in der Vergangenheit, das andere in der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz einer reichen Summe von Erinnerungen, das andere ist der gegenwärtige Entschluss, der Wunsch, zusammen zu leben, der Wille, das Erbe, das man ungeschmälert empfangen hat, weiter gelten zu lassen. Der Mensch improvisiert sich nicht. Die Nation grenzt wie das Individuum an eine lange Vergangenheit von Anstrengungen, Opfern und Hingebung. Der Glaube der Väter ist immer der rechtmässige. Unsere Väter haben uns zu dem gemacht, was wir sind. Eine heldenhafte Vergangenheit, grosse Menschen, Ruhm (ich ISMEN. meine echten), das ist das soziale Kapitel, auf das man eine nationale Idee gründet. Gemeinsame Ruhmestaten in der Vergangenheit, gemeinsamen Willen in der Gegenwart; grosse Dinge zusammen vollbracht haben und neue vollbringen wollen, das sind die wesentlichen Bedingungen, um ein Volk zu sein. Man liebt die erlittenen Leiden im Verhältnis zu den Opfern, die man dabei gebracht hat. Man liebt das Haus, das man gebaut hat, und das man seinen Kindern als Erbteil hinterlässt. Der spartanische Gesang „Wir sind, was ihr gewesen, wir werden, was ihr seid", ist in seiner Einfachheit der abgekürzte Hymnus jedes Landes. In der Vergangenheit Ruhm und Leiden gemeinsam, in der Zukunft ein gemeinsames Programm zu verwirklichen; zusammen gelitten,