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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 719 - 720

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Ein unbekanntes Bildnis Heinrich Heines
Date
1904-10-01
Page
Seite 719 - 720 (sequence 1)
Language
German
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719 720 EIN UNBEKANNTES BILDNIS HEINRICH HEINES. Von Gustav Karpeles. Der phantastischen Anschauung, die man sich gewöhnlich von einem Dichter zu machen pflegt, besonders der Anschauung, die man doch von dem Heine des „Buches der Lieder" sich zu bilden ein gewisses Recht hat, dürfte das Porträt, das hier zum erstenmal vur die Oeffentlichkeit tritt, fast nach jeder Richtung entsprechen. Es ist der Heine der Jugendzeit, der hier vor uns erscheint, der Dichter süsser Lieder, der Sänger der höchsten Lebenswonnen und der tiefsten Liebesschmerzen des jungen Erdenlebens. Ueber die Provenienz dieses Bildes vermag ich nur wenig zu sagen. Es stammt aus dem Nachlass einer eifrigen Sammlerin, die auch zugleich eine glühende Verehrerin Heinrich Heines war, eines Frl. Emilie v. Waldenburg, die das Bild in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erworben hat. Frl. v. Waldenburg, die in Potsdam lebte, hatte zur Gesellschafterin ein Frl. Elsasser. Diese war die Schwester zweier berühmter Maler gleichen Namens, von denen der eine, Friedrich August Elsasser (1810— 1845), einer der genialsten Künstler im Fache der Landschaft gewesen ist, während der andere, Julius Elsasser (1815-1859), weniger berühmt war. Beide lebten lange Zeit in Rom; der eine von ihnen, wahrscheinlich der letztere, war der künstlerische Berater des Frl. v. Waldenburg. Im Nachlass dieser Dame hat der Verlagsbuchhändler Eugen Marquardt (in Firma Emil Goldschmidt zu Berlin) das Bild aufgefunden und mir die Veröffentlichung desselben ermöglicht. Ob nun das Porträt von einem der beiden Elsasser herrührt oder von einem anderen Freunde und Fachgenossen, das ist leider nicht mehr festzustellen. Dass es aber ein Porträt Heines ist, stand innerhalb des Kreises fest, in dem das Bild jahrzehntelang als eine Reliquie verehrt wurde. Auch der in Potsdam verstorbene Schriftsteller Hofrat Dr. Georg Horn, der Heine noch kannte, bezeichnete es als solches. Ich habe die fein gearbeitete Photographie des Bildes etwa eine Woche lang in meinem Studierzimmer aufgestellt, und jeder, der her eintrat, fragte sofort: „Ist das Heine?" Indes dieser Umstand würde nicht genügen, die Sicherheit der Tatsache festzustellen, wenn nicht noch viele andere Momente dafür sprechen würden. Zunächst springt die Aehnlichkeit mit dem bekannten Bilde von Friedrich Pecht in die Augen; aber auch mit einigen anderen Bildnissen Heines, speziell mit denen von Giere, Hensel und dem sog. Tischbein, hat es viele gleiche Züge aufzuweisen. Unzweifelhaft ist das Bild stilisiert und idealisiert. Es stammt aus einer Zeit, in der eine derartige Jugendbildnis Heinrich Heines. Auffassung der Porträtkunst allgemein im Schwange war. Es ist ein jugendlich heiteres, mit Eleganz gemaltes, graziös dreinblickendes, kokett ausgeführtes Dichterbild aus den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Vermutung, dass es vielleicht das Bild sei, das der ältere Tischbein (1751-1829) in Hamburg noch in seinen letzten Lebensjahren von Heine gemacht hat, ist nicht ganz abzuweisen. „Die Malweise, vor allem die der Haare und der Kleidung, ist der seinen sehr ähnlich. Wenn das Gesicht manche malerische Schwäche aufweist, so lässt sich das aus dem Alter von 75 Jahren erklären, das Tischbein gehabt haben mu<?s, als er den 27 jährigen Heine malte." So schreibt mir Prof. Ludwig Pietsch, der das Bild gesehen hat. Was diesen feinen Kunstkenner daran zweifeln liess, ob es wirklich Heine darstellen soll, sind die für diesen überraschend kräftigen und rundlichen Formen und — die vergissmeinnichtblauen Augen. „Ich kann mir Heine gar nicht blauäugig vorstellen", schreibt Ludwig Pietsch. Nun berichten aber fast alle,die Heine kannten, dass er blaue Augen gehabt hat. Wenn ich jetzt nach diesen einleitenden Bemerkungen zu der Schilderung des Bildes selbst komme, so möchte ich bemerken, dass sich darin die Süssigkeit und die Sinnlichkeit, die man dem jungen Heine gewöhnlich zuschreibt, deutlich ausdrücken. Das lichtbraune Haar, die eher weichen als scharfen Züge, die schöne, leicht gebogene und scharf geschnittene Nase, das volle, völlig glatte Gesicht, die leicht und schön gewölbte faltenlose Stirn, das rundliche, jedoch nicht starke Kinn, alle diese Eigentümlichkeiten, die zwei so scharfe Beobachter wie G. Knille und Ludolf Wienberg aus jenem Zeitraum von 1825—1829 bei Heine herausgefunden haben, kehren in diesem Bilde erkennbar wieder. Verzeichnet scheint mir nur der etwas zu saftige Mund zu sein. Indes ist auch auf dem Bilde von Pecht der Mund üppig und mit vollen Lippen, obwohl manche in den Winkeln doch schon jene verräterische satirische Falte finden wollen, die alle Späteren bei Heine gesehen haben. Die Frisur und die Kleidung entsprechen der, die Heine damals getragen hat. Mit besonderer Sorgfalt ist der Fuchspelz ausgeführt. Das offene Hemd mit breit überfallendem Kragen wird unterhalb des Halses durch ein gelbseidenes, lose geknotetes Tuch zusammengehalten. Die Haltung ist vornübergebeugt und eher schlaff als fest. Auch die Erscheinung ist, soweit es sich beurteilen lässt, eher klein als gross. (L. I. Z.) JMeilab- Unruhig schon die Kerzen schwelen« Die Hbenddämmer ziebn herauf« Und müder werden unsre Seelen* Und müde bort das Beten auf« Berlin* Besiegelt ist, was uns beschieden* Die bange 3abresfahrt bebt an ♦ führst du uns bin zu ßeunatfrieden Und Reimatlust? Und wann? . . Und wann? Cbeodor Zlocistl.

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