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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 713 - 714

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Kleine Ursachen ...
Date
1904-10-01
Page
Seite 713 - 714 (sequence 3)
Language
German
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713 Siegbert Salter: Kleine Ursachen. 714 durfte er nicht reissen? Am selben Tage hatte die Tante selbst einen Brief aufgerissen, der aus Amerika gekommen war, wie er an der blauen Briefmarke mit dem grossen Kopf erkannt hatte; und Tante war danach sehr froh gewesen, hatte ihm zwei Stücke Zucker in den Kaffee gegeben und gesagt: „Mäxchen, Dein Vetter Herrmann aus Amerika kommt bald und bringt Dir etwas Wunderschönes mit." Und noch nie war die Tante so lieb zu ihm gewesen, als an jenem Nachmittage, und da sollte sie eine Sünde begangen haben? wo doch jedem Menschen das Gewissen so furchtbar nach einer Sünde klopfte, wie der Religionslehrer hundertmal gesagt hatte. Mäxchen glaubte jetzt dem Onkel nichts mehr, und wo er nur konnte, schlug er ihm ein Schnippchen. Anstatt in den Nachmittags-Gottesdienst zu gehen, wanderte er lieber mit den Kameraden in die Gärten vor dem Städtchen, wo es Stachelbeeren gab, so gross wie Walnüsse, und Johannisbeeren, so rot und glänzend, als wären sie mit Himbeersaft gefüllt. Und in den Bäumen hüpften, niedliche Vögel, die zwitscherten in einem fort, und drüben rauschte der kleine Fluss so fröhlich durch die Wiesen; das alles klang tausendmal schöner als-die eintönige Stimme des Vorbeters. Ehe der kleine Missetäter dann nach Hause ging, machte er einen kurzen Besuch bei dem alten Synagogendiener, der ihn so gut leiden mochte; denn als Schüler der jüdischen Gemeindeschule hatte er ihm manchmal beim Reinigen der Tintenfässer und der grossen schwarzen Wandtafel geholfen. Der musste ihm nun haarklein erzählen, „wer alles" nachmittags in der Synagoge gewesen war, denn der strenge Onkel verfehlte nie, danach zu fragen. Manchmal allerdings half dieses praktische Auskunftsbureau gar nichts, denn manchmal ging der fromme Onkel nachmittags selbst in die Synagoge, sei es, dass er nach Mäxchen Umschau halten wollte, sei es, dass der vierte Mann zum Skat ausgeblieben war. Dann fiel Mäxchen gründlich herein, und neben einer schweren Verschärfung der Speisegesetze, die in vorübergehender Entziehung des Desserts bestand, gab es eine Tracht Prügel, von denen der Betroffene nicht einsehen mochte, dass sie nicht von schlechten Verwandten seien. S. HIRSZENBERG. Studie zum Gemälde „Golus". Aus dem kleinen Max drohte mit der Zeit ein grosser Heuchler undDuckmäuser zu werden. Wenn er neben dem Onkel in der Synagoge stand, starrte er mit erheuchelter Andacht in sein Gebetbuch hinein und bewegte eifrig die Lippen, während seine Gedanken sich mit dem Problem beschäftigten, wie er sich am Nachmittag der Aulsicht des Oheims am besten entziehen könne. Um jedoch den Faden der frommen Handlung nicht zu verlieren, schielte er von Zeit zu Zeit nach dem Onkel hinüber, und drehte der eine Seite um, oder verbeugte er sich, so tat Mäxchen desgleichen, allerdings immer einige Minuten später, denn so schnell wie der Onkel durfte er nicht beten können. Der gute Oheim merkte mit innigem Missbehagen, wie wenig seine Erziehungskünste fruchteten, und strengte seinen ganzen Scharfsinn an, dem bösen Neffen immer neue Fallen zu stellen. Der wurde immer verschmitzter und gescheiter, und nur selten geriet er in die Schlinge. So entwickelte sich zwischen den beiden ein regelrechter Krieg, und wer verendet auf dem Schlachtfelde zurückblieb, das war der frohe, fromme Kindersinn des Knaben. Es war gut, dass er bald der Zucht des Onkels entzogen wurde. Lügen wäre ihm sonst zur zweiten Natur geworden. . . . Ich habe xMäxchen, nachdem ein Max aus ihm geworden, oft wiedergesehen. Ich traf ihn im Theater, in Museen, in Konzerten, an allen möglichen Bildungsstätten — in der Synagoge habe ich ihn nie getroffen. „DIE JUDEN" VON EUGEN TSCHIRIKOW. Angezeigt von Josef Melnik (Berlin.) Nachdruck verboten. Die komplizierten geistigen und sozialen Gärungsprozesse, in denen sich das heutige Russland befindet, beeinflussen in hohem Masse auch das Leben der russi>chen Juden. Während das grosse Reich sich anschickt, die alten Formen abzustreifen, den Staub der Vergangenheit von den Füssen zu schütteln, um verjüngt in ein neues Leben einzutreten, geht durch das russische, künstlich erhaltene Ghetto ein zehrendes Sehnen, regt sich ein neuer, starker Wille, der zum Kampf begeistert. In der schwülen Atmosphäre zittert

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