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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 709 - 710

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Kleine Ursachen ...
Date
1904-10-01
Page
Seite 709 - 710 (sequence 1)
Language
German
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709 710 KLEINE URSACHEN . Von Siegbert Salt er. (Nachdruck verboten ) S. HIRSZENBERG. Atemlos und mit glühenden Wangen und strahlenden Augen kam das kleine Mäxchen -während der Frühstückspause ins Zimmer hereingestürmt. „Tante," rief er keuchend, „Tante, ein Schaumann ist in die Schule gekommen — fünf Pfennige soll jeder mitbringen." „Ein Schaumann?" fragte die Tante verwundert, während sie an den Wandschrank in die Ecke trat, um dem kleinen Mann die „Butterschmier" zu streichen, deretwegen er täglich gegen 10 Uhr aus der nahen Bürgerschule heimkam. rJa, ein Schaumann, einen ganzen Kasten voll hat er bei sich. Die Grossen in der Tertia haben es gestern schon gesehen. Ein ganzes Bergwerk, wo sich alles bewegt und auf und niedersteigt und Licht macht und mit kleinen Karren hin- und herfährt. Un d eine Walnuss, so gross wie meine Faust, die ist aus dem gelobten Land und enthält die heilige Kirche; und eine Kapelle auf einem baushohen Berg zeigt er, wo der geizige Ritter seinen Bruder heruntergeschmissen hat und nachher Reue hatte . . ." Die Worte überstürzten sich und sprudelten nur so hervor, als fürchte der Knabe, die viertelstündige Pause reiche bei weitem nicht hin, all die Herrlichkeiten aufzuzählen, die der fremde Wundermann für so billiges Geld zeigen wollte. Die Hauptsache aber, die paar Worte, auf die es hier ankam und die er sich auf dem kurzen Weg von der Schule so schön zurecht gelegt hatte, die wollten nicht recht heraus, die blieben ihm förmlich in der Kehle stecken, und nur in den grossen, vor heller Begeisterung glänzenden Augen stand die flehende Frage: Bekomm' ich auch iünf Pfennig? Denn in Geldangelegenheiten war die Tante sehr, sehr genau. Diesmal jedoch schien sie ein menschliches Rühren zu haben und war eben im Begriff, das kleine Geldstück, mit dem so Grosses erreichbar war, aus der Tasche ihrer schwarzen Hausschürzehervorzuziehen, als der Onkel aus der Synagoge heimkam, wo er mit stadtbekannter Andacht den Worten der heiligen Schrift gelauscht hatte. Dem armen Mäxchen ging's jetzt übel. Der Onkel war in Geldangelegenheiten noch viel, viel empfindlicher als die Tante. Dass das Geld rund war und keine Löcher zum Festbinden aufwies, bereitete ihm die reinsten 'Seelenqualen. Am Sabbat gar Geld auszugeben, hielt er für eine der grössten Sünden, und mit salbungsvollen Worten zeigte er dem kleinen Buben, dass man an diesem Tage, den der Himmel zu absoluter Ruhe geschaffen, Geld nicht einmal anrühren dürfe; das würde den lieben Gott sehr beleidigen. ' v*, 'feUÖLii OELSKIZZE. „Berith Milan". Dem Jungen quoll es feucht und heiss in die Augen. Verlegen glitten seine Finger über die leierliche Sammetdecke hin, die am Sabbat das ganze Zimmer in festliche Stimmung tauchen musste. „Leibs Moritz darf auch," wagte er mit stockender Stimme einzuweifen. Der Onkel erwiderte nichts, blickte aber den kleinen Kerl mit so strengen Augen an, dass ihm all sein Mut in die kurzen Höschen sank. Mit dicken Tränen in den Augen verliess er die Stube und schlug den Weg zur Schule wieder ein. Der ganze himmelstürmende Frohsinn seiner elf Jahre war dahin. Er sah die Welt wie durch einen feuchten Schleier, der sich warm und beissend vor seine Augen legte. Das schöne Butterbrot mit dem rotglänzenden „Eingemachs" ruhte unberührt und schier vergessen in der kleinen Hand, und wenn einige der schweren heissen Tropfen darauf niederfielen, lief es wie rotes Herzblut darüber hin und hinab auf das holprige Provinzpflaster. Konnte das der liebe Gott wirklich wollen, dass von all den Knaben er allein die wunderbaren Herrlichkeiten nicht sehen solle? In der Religionsstunde, die er jeden Sonntag in der Judenschule besuchte, hatte man ihm doch so oft erzählt, wie gut der liebe Gott sei. Am Schulhof suchte der kleine Mann tapfer die Tränen herunterzuschlucken. Aber es wollte schwer gelingen, denn man sprach von nichts anderem als von dem Schaumann. Als nun gar Leibs Moritz, der andere jüdische Schüler der Quinta, freudestrahlend daherkam und triumphierend seine fünf Pfennige vorwies, da war es zu Ende mit Mäxchens Tapferkeit und Fassung. Heulend lehnte er sein nasses Gesicht

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