Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Das "Benscherl"
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 707 - 708 (sequence 2)
- Language
- German
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707 Josef Winternitz: Das Benscherl. 708 „Warf! Wie lautet der Segensspruch auf Färberl!" Das Kerlchen wusste ja ganz gut, dass kein anderer Spruch gesagt werden dürfe; als der für Mehlspeisen bestimmte, den er wohl kannte v . \ aber Klein- , "v'" . .-wW. " — . ^v-'4^r*-~-- ^-i" .- Benjamin wollte sich selbst beweisen5^äass"• er das Büchlein dringlichst brauchte . . . Gewiss! Denn er kaufte es, Gott behüte,* nicht aus Leichtsinn. Klein- Benjamin wirft kein Geld zum Fenster hinaus! So betete er denn den für Mehlspeisen bestimmten Segensspruch. „Was liest Du denn dort?u fragte ihn seine Mutter, die beim Herde stand. „Ich . .'. ich ... ich kaufte mir ein Benscherl!" sagt Klein-Benjamin, und vor Freude strahlten ihm die Augen. „Hast keine Dummheit gekauft? Lass 'mal sehen! Was hat's gekost?** „Ein Viererl! Sieh's nur an! Es ist ein teures Benscherl!" Und das Knäblein sprang mit seinem Schatze zum Ofen, zur Mutter hin. Und das Mutterchen — sie war wirklich keine Gelehrte — nahm vorsichtig das Benscherl in die Hand und blickte prüfend hinein: „Wirklich ein gutes Benscherl! Wert ein Viererl. Sei nur ein guter Jud' und lerne fleissig." Klein-Benjamin verzehrte sein Abendbrot. Das Gebet, das nun vorgeschrieben war, kannte er laugst ganz auswendig, aber — wozu hat man denn ein Benscherl. So suchte er darin das Gebet auf . .. „Solch ein schönes Benscherl! 's ist ein Viererl wert!" Dann ging er daran, sich die Segenssprüche all schön der Reihe nach anzusehen. „Du lieber Gott im Himmel! Wie viele Speisen gibt es doch auf der Welt! Ganze vier Blättchen voll gedruckt mit guten Sachen!" . . . „Stachelbeeren, welche roh gegessen werden dürfen . . ." „Kenn' ich!" Erliest weiter: „Gurken . . ." „Die kenn' ich auch." „Eingemachtes . . „Eingemachtes? Sieh', das isst man ja an Festtagen. — Mutterl! Wann isst man Eingemachtes?" „Eingemachtes? Wann man das isst, mein Kind? — Wenn der liebe Gott helfen wird —" seufzt die Mutter.— Und der Knabe liest weiter: „Eier — Eier? Weiss schon, wann es Eier gibt! Nur am Sederabende!" Und Sederabend, lieber Leser, ist doch nur einmal im Jahre. Er liest weiter: „Ingwerkuchen — Ist das fein! Ingwerkuchen! Bekommt man dort neben der Schul' zu kaufen, einen Groschen das Stück — schmeckt gut. —" Da stutzt der Knabe: „Diesen Segensspruch darf man nur über feuchten, frischen Ingwerkuchen machen! nicht über trockenen . . . und die Alte dort hat immer nur trockene, harte Stücke, in welche man kaum hineinbeissen kann. . . Und solches spricht man beim Genüsse des Pfeffers." „O, Pfeffer ist gar nicht gut — fi!" „— Apfelsinenschalen —" „Mutterl, was ist das, Apfelsinenschalen?" „ Apfelsinenschalen?** wiederholt die Mutter, „soll das nicht von Zitronen etwas sein?" „Zitronen\u rufe freudig das Bübchen, „weiss schon was das ist . . . s'ist sauer — weiss schon!" Und weiter liest er. Und je weiter er Kommt, desto tiefer gerät er in den Wald der unbekannten Speisen, von denen er nicht einmal den Namen je vernommen. — Da fällt ihm besonders ein merkwürdiges Wörtchen auf. Und langsam buchstabiert er: „S--tru—del —" „Mutterl, Mutterl, was ist das, Strudel?" — „O, dessen erinnere ich mich ganz gut! Freilich — bei Nachbars Hochzeit war's . .; das ist ein gutes Backwerk, Ben! Und fein gefüllt!" „Es muss recht gut sein," meinte der Knabe, und langsam wiederholt die Mutter: „Es war nicht schlecht!*4 Klein-Benjamin liest weiter. Er vertieft sich in sein Benscherl, und es scheinen ihm die Segenssprüche nicht so wichtig zu sein, wie die guten Speisen. Wie viele Segenssprüche kommen überhaupt für ihn in Betracht? Ueber Brot, über Erdfrüchte und über Mehl. Ist das so schwer zu merken? Aber du lieber Gott! Der Speisen gibt es so viele und mannigfaltige! Das Bübchen wird müde und stützt den Kopf in die mageren Händchen: „Wie dumm ist das doch! So viele guten Speisen gibts in der Welt, und er weiss von ihnen nichts. Warum ist das so? Er ist doch ein ehrlicher, folgsamer Junge-- für sein einziges gutes Viererl kaufte er ein Benscherl. — Er fühlt, dass ihm ein Unrecht geschieht — aber er weiss nicht, woher es kommt und warum es kommt. Und er wendet sich von den Speisen weg, der nächsten Seite zu. Zu den andern Segenssprüchen. „Wenn es donnert - - —" „Ei, zum Sommer ist noch weit, und beim Schneefall braucht man keinen Spruch zu sagen." „Was steht hier?" „Wenn man ein neues Gewand anzieht, spricht man : „Gelobt seist Du, Ewiger, der Du die Nackten kleidest." „Ach, ist das ein schöner und lieber Spruch! — Wozu nützt er ihm aber? Kein einziges Mal noch hatte er ein neues Kleid bekommen. Alles geflicktes Zeug, Lappen an Lappen. Mutter hat einen grossen Knäuel und flickt und flickt. „Mutterl! Nähst mir für die Feiertage ein neues Röckchen?" fragt das Bübchen. „Gebe es Gott! mein Kind." Da merkt das Bübchen, dass daraus nichts wird, und wendet enttäuscht das Köpfchen. Nein, diesen Segensspruch, den wird er nie, nie machen dürfen. — — Wozu soll ihm dann das ganze Benscherl?! Er hat ja doch nichts. . . Niens von all dem Schönen dieser Erde . .