Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 679 - 680

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Eliah, der Prophet
Date
1904-10-01
Page
Seite 679 - 680 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583928-2590753--04385-2590843
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

679 Bar-Ami: Eliah, der Prophet. sonders am Sabbat setzte er sich nicht zu Tische, ohne dass ein dürftiger Gast von seinem Brot ass, und am Sabbatausgang sang er stets mit grosser Andacht und Freude die Lieder von Eliah, dem Propheten, obgleich er nicht alles davon verstand. Wie er nun so in Ketten geschlagen dalag und leise die grosse Beichte vor sich hinflüsterte, dachte er bei sich, dass er nie mehr arme Wanderer bei seinem Tische beherbergen, noch je die Eliah-Lieder am Sabbatausgang singen werde. Plötzlich Hess sich vor dem Tor ein grosses Getöse vernehmen, eine Stimme rief: „Oeffnet!* Die Räuber erschraken, Hessen alles stehen und entkamen durch ein Hintertürchen. Nun wurde das Tor eingerannt, und herein trat ein Husarenoffizier an der Spitze einer Schar Soldaten. Er Hess den Gefesselten die Ketten abnehmen, beruhigte sie und hiess sie die unterbrochenen Gesänge wieder aufnehmen. Er setzte sich mit ihnen zu Tisch und trank Wein mit ihnen. Bevor er sich entfernte, übergab er dem Pächter ein verschlossenes Papier mit dem Auftrag, es erst nach den Feiertagen zu öffnen. Als der Pächter dies tat, war er nicht wenig erstaunt und erfreut, darin das goldene Insiegel Eliahs, desPropheten,zu finden. Erbegrifi, dassseinRetter Eliah, der Prophet, war mit seinem Gefolge von Engeln. Diese Sage ist in vielen Versionen verbreitet. In einer von ihnen ist das Motiv des Ueberfalles nicht der Blutaberglaube, sondern gewöhnliche Raubgier, und er geschieht nicht am Seder-Abend, sondern am Sabbatausgang; der Gefesselte erbittet sich von seinen Mördern die letzte Gnade, nur noch sein geliebtes Eliah-Lied vor dem Tode singen zu dürfen, und während dieses Gesanges erscheint, wie von einer Zaubermacht herbeigerufen, der Retter. Interessant ist die chassidische Version dieser Legende. Wer sich eingehender mit der Untersuchung der jüdischen Sagen □nd Märchen befasst, macht bald die Bemerkung, dass der Chassidismus nicht nur aus Eigenem eine Legion von Legenden entstehen Hess, sondern häufig auch älteren Sagenstoff in seinem Geiste umformte und ihm seinen eigenen Stempel aufdrückte. Der ernstgläubige Chassid, namentlich in den Urzeiten der Bewegung, konnte sich nicht vorstellen, dass jemals irgendwo ein Wunder geschah, ohne dass der Zaddik dabei interveniert hätte. Manche alte Sage wurde derart gründlich umgestaltet, dass nur ein sehr scharfes Auge das ursprüngliche Gewebe herauserkennen kann. Zuweilen jedoch ist die Umarbeitung so oberflächlich und mechanisch, dass man sie auf den ersten Blick wahrnimmt. In die ursprüngliche Fassung wurde der Zaddik mit dem ganzen Apparat seiner Fürbitte und seines Einflusses bei den himmlischen Mächten einfach eingeschoben. Das geschah vielfach mit den Sagen und Vorstellungen, die sich an Eliahs Namen knüpften. Natürlich wurde nicht immer die ursprüngliche Fassung durch die spätere chassidische verdrängt. Als Beispiel für diesen Prozess mag die vorstehende Sage dienen, deren chassidische Variante in die Erzählung den Zaddik einführt, zu dessen Anhänger sie den Pächter macht. Der Retter erscheint in der Stunde der Gefahr erst auf die Fürbitte des Zaddik. In dem Moment, als die Bauern das entlegene Wirtshaus stürmen, unterbricht der „Rebbe" zu grösstern Staunen der um ihn versammelten Chassidim die Haggadah, versinkt in eine ernste Stimmung, in seinen Zügen liest man Sorge, Unruhe und inneren Kampfe endlich, nach langem, beängstigendem Schweigen, heitert sich sein Gesicht auf. Als nach den Feiertagen der Pächter beim Zaddik erscheint, um ihm das rätselhafte Papier zu zeigen, ruft ihm dieser jubelnd entgegen: „Na, wie gefielen Dir meine Soldaten, die ich zu Deinem Entsatz geschickt?" Die Sache klärt sich auf. Es endet mit einem reichlichen „Thikkun", womit der Pächter seine wunderbare Errettung begiessL Die Verdienste des Pächters und sein persönliches Verhältnis zum Propheten fallen in dieser Version als überflüssig fort. (Schluss folgt.) Theodor f)erzU Gill Gedenkblatt. Nachdruck verboten. Schwarze fabnen flattern in den Lüften, Kehrt ein Ringer still zur Heimat wieder, Dunkle JSebelbreiten rings sich heben, Müde streckt er die gelösten Glieder. mit ein Grüssen winkt es aus den Grüften, Oaffne ihm dein Herz, geliebte 6rde, Wie ein Bangen will es niedersebweben. Dass ihm Ruhe, sanfte Ruhe werde! f instern <£lolken, die sich machtvoll neigen, Glich sein lockenhaarumwalltes Haupt, Hus den Hugen lohte stumm ein Schweigen Wie von Blitzen — himmelsnab geraubt. Seine f euerstirn war die des Sinen, Dem einst Gott genaht in f lammensebeinen . . . Unser schien er und ist's nie gewesen, Kehrt ein Dichter still zur Heimat wieder, lieber unser Heid nur glitt sein Blick, Müde senkt er die erloschnen kider, Doch vor unsrer Lüge feigem «lesen Oeffne ihm dein Herz, geliebte 6rde,' Wich sein bobeitsvoller Stolz zurück» Dass ihm friede, sanfter friede werde! Schloss Strzcbowitz, 7. Juli 1904. Maria Stona.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.