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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 671 - 672

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Samuel Hirszenberg
Date
1904-10-01
Page
Seite 671 - 672 (sequence 4)
Language
German
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671 Samuel Hirszenberg. 672 da nicht die Welt, in der er bisher vegetiert, aschfahl, öde, leer, ja sogar hässlich erscheinen? Musste er nicht ein Schicksal verwünschen, das ihn verdammt hatte, die schönsten Jahre des Lebensfrühlings in jenen stickigen, licht- und farblosen Niederungen zu verbringen? So mancher schon hat diesen jähen Sprung mit dem Frieden der Seele gebüsst; so mancher wandte sich mit Groll von seiner Vergangenheit ab, die ihn wie ein unerträglicher Ballast in einen dumpfen Abgrund hinunterzuziehen schien, und wenn er nicht gar all das, was ihm einst teuer gewesen, verachten und hassen lernte, so verwand er doch den Riss, der durch sein Wesen ging, zeit seines Lebens nicht mehr. Doch reine und starke Seelen gehen aus einem solchen Widerstreit geläutert und gestählt hervor, ja sie saugen daraus nur noch neue Schaffenskraft. Es dürfte wohl nicht nur der künstlerische Schaffensdrang allein es gewesen sein, der Hirszenberg über diese Kluft, die sich zwischen den zwei Epochen seines Lebens auftat, hinweg half; die angeborene Vornehmheit des Herzens und jener ritterliche Adel der Gesinnung, der kraftvolle Naturen dahin treibt, sich selber treu zu bleiben, den Gedemütigten und Verachteten einen Schimmer ihres eigenen Glanzes und ihrer eigenen Schönheit zu verleihen hat, ebenso wie der künstlerische Trieb ihn vor jener unheilvollen Zerrissenheit bewahrt, die nur lähmend wirkt und unfruchtbar macht; sie hat die Erlebnisse der Jugend für ihn zu einem unversiegbaren Quell der Anregung und der Inspiration umgeschaffen. Aus seiner Lebensskizze, die von liebevoller, feiner Hand in diesen Blättern vor Jahren gezeichnet wurde1) wissen wir, unter welchen Entbehrungen und Kämpfen Hirszenberg in der ersten Zeit sich durchringen musste. Ein eiserner Wille und ein sonniges, heiteres Naturell halfen ihm über jegliches Drangsal hinweg. Während er mit Augen und Phantasie all das Neue, das sich vor ihm erschloss, in sich aufnahm und verarbeitetet kehrte er mit der Seele zu den Bildern seiner geistigen Heimat zurück, das unscheinbare Leben im Ghetto kleidete sich ihm in die Farben einer stillen, wehmütigen, aber echten und tiefen Poesie. Und da mochte er es wohl als ein grosses Glück empfinden, mit den Wurzeln seiner Seele in diesem Erdreich zu haften, aus dem er soviel Kraft saugen konnte. Für ihn war das Ghetto nicht nur eine malerische Kuriosität, ein Magazin von ergötzlichen Szenen und phantastischen Gestalten; er hatte dieses Leben mitgelebt und mitempfunden, und sein Auge blieb nicht an der Oberfläche haften, sondern konnte bis in das Innerste des Gemüts dringen und dort Perlen reinster Poesie hervorholen, die seine Meisterhand in das Gold edelster Kunst fasste. Aus solchen Stimmungen heraus entstanden Hirszenbergs Ghettobilder. Sie spricht zu uns aus „Uriel Acosta", wo in der Gestalt des Zweiflers aus dem 17. Jahrhundert die innerhalb der Ghettomauern so häufige Gewissenstragödie sich spiegelt; sie spricht zu uns aus dem schlicht ergreifenden Bilde „Jeschibah", wo die edlen, gedankenmüden Gestalten so zart vom weichen Morgenlicht umflossen sind. Die gemütlich-humoristische Seite kehrt „Ein Stückchen Politik" hervor, während „In der Dämmerung", das ebenso wie das vorhin genannte im Helldunkel gehalten ist, in der Gestalt l) Vergleiche „Ost und West" 1902, Heft 10. S. HIRSZENBERG. „PASTORALE" (DEKOR. PANNE AU).

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