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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 667 - 668

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Samuel Hirszenberg
Date
1904-10-01
Page
Seite 667 - 668 (sequence 2)
Language
German
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667 Samuel Hirszenberg. 668 S. HIRSZEXBERG. HERBST-ABENDSTIMMUNG. wonach der Künstler ireventlich seine Kunst entweiht, wenn er irgend einer „Tendenz" huldigt, werden nicht nur sein grosses Können bewundern, sondern vor allem seine strenge, unbeugsame künstlerische Rechtschaffenheit anerkennen, die ihn daran hindert, auch nur ein Jota von der Form zu opfern, um den „Inhalt" interessanter und „ansprechender" zu machen. Und doch ist keines von denjenigen seiner Werke, in denen sich seine beste Kraft offenbart, aus dem nicht eine Tendenz, eine Idee ganz machtvoll und ergreifend zu uns spräche. In ihrer Gesamtheit bilden sie beinahe ein Programm. Ganz Kunstwerke, dienen sie doch nicht der Kunst allein. Aber eben darin liegt ihr grosser Zauber, dass sie nicht bloss Gegenstände des Genusses für eine kleine beschränkte Schar ästhetischer Sybariten sind, sondern wie alle grossen und dauernden Schöpfungen des Menschengeistes Eigentum aller Denkenden und Fühlenden sind, dass sie nicht nur einen raffinierten Farben- und Formensinn befriedigen, sondern zur ganzen Seele des Beschauers sprechen. Eine grosse Leidenschaft, ein starkes, beinahe stürmisches Temperament äussert sich in Hirszenbergs Werken, aber gebändigt und im Zaume gehalten von einem energischen künstlerischen Sinn, der dem Inhalt nicht erlaubt, die Form zu sprengen, sondern die unruhigen Elemente zu einem harmonischen Ganzen zwingt. Das eine Mal empiangen wir die Wirkung eines zarten lyrischen Gedichtes, das andere Mal die einer ergreifenden, schaurigen Ballade, oder wir fühlen uns mächtig erschüttert, wie bei der Schlussszene einer ergreifenden Tragödie. Stets aber wird im Beschauer die Empfindung ausgelöst, dass Inhalt und Form organisch zusammenfliessen und in einen harmonischen Akkord ausklingen. Die kulturelle Höhe und der geistige Wert eines Kunstwerkes werden stets in geradem Verhältnisse stehen zur Weite des Horizonts und zur Empfänglichkeit des Künstlers. Je umfangreicher das Feld seiner geistigen Interessen ist, je mannigfacher und wertvoller die Dinge und Vorgänge sind, von denen er affiziert wird, mit einem desto wertvolleren und tieferen Gehalt wird er seine Werke zu erfüllen verstehen. Diejenigen, die da verlangen, dass der Künstler sich nur um den schönen Schein der Dinge kümmern solle, setzen ihn der Gefahr aus, geistig zu verkümmern, indem er sich den Quellen stärkster Anregungen verschliesst und so nach und nach auch die Herrschaft über die Form verliert. Es kommt nur darauf an, dass die Eindrücke, die der Künstler vom Leben in seinen mannigfachen Gestaltungen empfängt, sich bei ihm auch in die entsprechende künstlerische Form kleide. Und hierin, nämlich in dieser Fähigkeit der harmonischen Konzeption von Gegenstand und Form, ruht vielleicht das Ge-

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