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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 663 - 664

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Die jüdisch-deutsche Sprache
Date
1904-10-01
Page
Seite 663 - 664 (sequence 5)
Language
German
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663 Dr. Richard Loewe: Die jüdisch-deutsche Sprache. 664 Das gleiche war wohl auch die Ursache für die Benennung von Personen und Dingen, die sich auf das Christentum beziehen, mit hebräischen Ausdrücken wie goi „Christ", gallach „katholischer Priester", chag ..christliches Fest". Sainean nennt ferner noch typische Zusammensetzungen hebräischer Herkunft wie am-hoorets „Unwissender, literarisch Ungebildeter", eigentlich „Landvolk", derech-erets „Anstand, Höflichkeit", eigentlich „Brauch des Landes", bas-kol „Echo", eigentlich „Tochter der Stimme" u. a. Der Grund für die Uebernahme dieser Bildungen mag wohl eine Art Gefühlsmoment gewesen sein, indem hier dem Sprechenden die hebiäische Ausdrucksweise das, was er sagen wollte, am treffendsten wiederzugeben schien. Sainean bemerkt endlich, dass das Jüdisch-Deutsche auch ganze Formeln und Redensarten aus dem Hebräischen entlehnt habe, so* Benennungen Gottes wie hakodesch boruch hu, eigentlich „der Heilige sei gelobt", Wunschformeln, um Unheil abzuwehren, wie chas wescholom, „dass Gott uns behüte" (eigentlich „Behütung und Friede"), Grussformeln wie scholom alechem, „Friede sei mit euch", endlich auch Flüche wie misso meschunne, „jäher Tod". Dem Sprechenden erschienen eben Wünsche und Grüsse, aber auch Flüche am wirksamsten, wenn sie in der heiligen Sprache ausgedrückt waren. Neben den hebräischen Elementen sind von nichtdeutschen die slawischen im Jüdisch-Deutschen am weitesten verbreitet, die sich dort nach Harkavy schon seit Beginn des 16. Jahrhunderts häufiger finden, also schon bald nach der Einwanderung der Juden in Polen in ihrem Dialekt festen Fuss gefasst haben. Auch stammen diese Wörter nach Sainean, soweit sie dem gesamten " osteuropäischen Jüdisch-Deutsch eigen sind, nur aus dem Polnischen, und erst in jüngerer Zeit sind, nachdem die Juden sich von Polen aus noch weiter nach Osten verbreitet hatten, in Russland solche aus dem Russischen, in Ostgalizien solche aus dem Ruthenischen eingedrungen. Der Verkehr der Juden mit den Polen und anderen Slawen war derdestäglichenLebens, und so sind aus dem Slawischen auch wohl nur Ausdrücke des täglichen Lebens entlehnt worden. Wenigstens ist das aus Saineans Zusammenstellung solcher Wörter zu schliessen. Danach gehören hierhin jüdisch-deutsche Bezeichnungen für Körperteile wie kischke,, Darm" (poln. kiszka), für Teile der Wohnung wie pripetschik „Sitz am Ofen" (poln. przypiecek), für Nahrungsmittel wie lokschen „Nudeln" (slaw. lokäa), für Kleidungsstücke wie gatis „Unterhose" (pol. gatki), für Tiere wie tsap. „Ziegenbock" (poln. cap; c hier als ts zu sprechen), für Pflanzen wie kwitke „Blume" (poln. kwiatka), für Mineralien wie bruschtm „Bernstein" (poln. bursztyn). Von hierher gehörigen Ausdrücken für Personen nennt Sainean nur zwei Arten, erstens solche der Verwandtschaft wie babe „Grossmutter" (poln. baba „Alte") und zweitens Bezeichnungen für Handwerker wie kotler „Kesselschmied" (poln. kotlarz). Unter den jüdisch-deutschen Wörtern, die den Deutschen unverständlich erscheinen, befinden sich freilich nicht nur solche hebräischen, slawischen oder sonst nichtdeutschen Ursprungs, sondern auch wirklich aus dem Deutschen stammende, die nur der heutigen deutschen Schriftsprache verloren gegangen sind. Eine grössere Anzahl dieser Wörter hat Gerzon in seinem Buche zusammengestellt. Genannt seien von diesen hier nur sang „ Aehrenbüschel" (mittelhochdeutsch1) sänge), schnür „Schwiegertochter (mittelhochd. snur), schwer „Schwiegervater" (mittelhochd. sweher), inde „Woge" (mittelhochd. ünde), fingerl „Fingerring" (mittelhochd. vingerl oder vingerlm „Fingerring", eigentlich „Fingerchen"), sudig „heiss" (mittelhochd. siedic, sütic2) „siedend heiss"), nechten „gestern" (mittelhochdeutsch nechten „gestern abend-). Der Reichtum der jüdisch-deutschen Sprache an Wörtern und Wendungen ist freilich mit den Sammlungen Saineans und Gerzons nicht entfernt erschöpft, so reichhaltig auch besonders letztere schon ausgefallen ist. Vor allem sind auch die im Jüdisch-Deutschen selbst neugebildeten Wörter und Wendungen bisher nirgends behandelt worden. Hier in der Wörterkunde aber ist ein Feld, auf dem auch Leute, die von Hause aus keine Philologen sind, aber ihre jüdischdeutsche Muttersprache lieben, durch Sammlungen erspriesslich an der Wissenschaft mitarbeiten könnten. Wie wir unter anderem ein schweizerdeutsches, ein elsässisches, ein bairisches, ein westfälisches, ein altmärkisches Wörterbuch besitzen, welche zum Teil von Nichtphilologen und unter Mitarbeiterschaft weiter Kreise, die ihrer Heimatsmundart ein Denkmal setzen wollten, angelegt worden sind, so sollten sich auch osteuropäische Juden finden, welche die Liebe zu ihrer Sprache und Eigenart durch Anlegung eines jüdischdeutschenWörterbuches bekundeten.!) Unter mittelhochdeutsch versteht ma:i die hochdeutsche Sprache etwa von 1100-1500. 2) c wie k zusprechen. S. HIRSZENBERG. STUDIE (KOHLEZEICHNUNG).

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