Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Die jüdisch-deutsche Sprache
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 659 - 660 (sequence 3)
- Language
- German
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659 Dr. Richard Loewe: Die jüdisch-deutsche Sprache. 660 wie jetzt nur in Norddeutschland gesprochen wurden. Das Oberdeutsche, d. h. das Alemannisch-Schwäbische und Bairisch-Oesterreichische hatten aber schon damals wie noch heute für b eine Art Zwischenlaut zwischen b und p, den sie auch bald b und bald p schrieben, und entsprechend für k einen Zwischenlaut zwischen g und k, für den gleichfalls in der Schrift bald g und bald k gebraucht wurde. Offenbar sind aus diesen Zwischenlauten die jüdisch-deutschen p und k da entstanden, wo sie für alte deutsche b und g stehen. Die oberdeutschen Laute des Jüdisch-Deutschen dürften nun im wesentlichen bairisch-österreichischen Ursprungs sein, da andere jüdisch-deutsche Eigenheiten speziell auf dies Dialektgebiet hinweisen. So findet sich nur bairisch-österreichisch wieder das m von jüdisch-deutsch samd „Sand" sowie das Fehlen von n in est „Nest". Auch die jüdisch-deutschen Pronominalformen ets rihrw, enk „euch", enker „euer** sind nur aus dem Bairisch-Oesterreichischen zu erklären. Endlich stammt aus diesem Dialekte auch die gebräuchlichste jüdisch-deutsche Adverbialendung -erhet, z. B. in lebedigerhet „lebendig", gesunderhet „gesund". (Unter „bairisch4* ist hier nur der Dialekt des alten Baiern, der Südhälfte des jetzigen Königreichs Bayern zu verstehen; die Nordhälfte ist das ostfränkische Gebiet.) Gerzon hat das Uebergewicht der thüringischobersächsisch-schlesischen Elemente im Jüdisch-Deutschen aus der Nachbarschaft des ostmitteldeutschen Dialektgebiets und Polens erklärt, und ganz analog könnte man ja auch auf solche Nachbarschaft das gleichfalls bestehende Uebergewicht der ostoberdeutschen (bairisch-österreichischen) Elemente im Jüdisch-Deutschen zurückführen. Dass aber eine stärkere Einwanderung nach Polen aus den ostdeutschen Gebieten in der Hauptsache nicht der blossen Nachbarschaft wegen erfolgt sein wird, zeigt wiederum eine sprachliche Erwägung. Altes deutsches f (das auch in der heutigen deutschen Schriftsprache noch als f erscheint) ist im Jüdisch-Deutschen im Inlaut vor Vokal, z. B. in borwes „barfuss", wolwel „wohlfeil", schtiwel „Stiefel1* raeist durch w vertreten. Das stimmt aber nur zum Thüringisch-Obersächsischen, aber weder zum Schlesischen noch zum Bairisch-Oesterreichischen, die hier stets noch f haben. "Wir müssen also für das Uebergewicht der ostmitteldeutschen (und damit auch wohl der ostoberdeutschen) Elemente des Jüdisch-Deutschen nach einer anderen Erklärung suchen. Diese Erklärung bietet sich nun sofort, wenn wir einen Blick auf die Geschichte der Juden in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters werfen. Aus Schlesien hat damals keine durchgreifende Austreibung stattgefunden; wohl aber sind die Juden im Jahre 1432 aus dem ganzen Kurfürstentum Sachsen, zu dem damals auch noch grosse Teile Thüringens gehörten, verjagt worden. Und wenn wir diese Vertreibungen ins Auge fassen, so lässt sich auch ohne weiteres eine Erklärung dafür finden, dass weder das Ostfränkische noch die westlichen deutschen Dialekte wesentlich zur Bildung des Jüdisch-Deutschen beigetragen haben. Denn sowohl in Ostfranken wie in den westlichen deutschen Ländern wurden die Juden immer nur aus einzelnen Städten oder kleineren Gebietsteilen vertrieben, während sie wie aus ganz Kursachsen im Jahre 1432 so aus ganz Oesterreich im Jahre 1420 und aus ganz Baiern im Jahre 1450 verjagt wurden. Dass bei den Wanderungen der Juden die, welche in Deutschland weiter südlich gewohnt hatten, auch in Osteuropa im allgemeinen weiter südlich wohnen blieben, tritt in einem merkwürdigen Umstände hervor: nur das polnische und noch weiter südlich gesprochene Jüdisch-Deutsch kennen die aus dem Bairisch-Oesterreichischen stammenden Pronominal formen ets „ihr", enk „euch", enker „euer", während das litauische Jüdisch-Deutsch hierfür lediglich ir, eich, eier verwendet. Aus d.x Volkssprache Norddeutschlands, dem Niederdeutschen (Plattdeutschen) sind in das Jüdisch- Deutsche nur wenige Elemente, und zwar nur solche eingedrungen, bei denen begünstigende Bedingungen für ihre Erhaltung hinzukamen. Hieihin gehört besonders die Verwendung des s als Pluralzeichen (wie in jüdisch-deutsch wolkens „Wolken", fetters „Vettern u. a.), die dadurch begünstigt war, dass das Jüdisch-Deutsche bei seinen Femininen hebräischen Ursprungs wie chuzpe „Frechheit", selbst schon den Piural auf -s (aus Hebräisch -aus, nach ursprünglicher Aussprache öth) bildete. Wo aber das Niederdeutsche andere Lautvertretungen als das Hochdeutsche in Mittel- und Süddeutschland hatte, ist überall das Hochdeutsche ausschlaggebend geworden. Es passt das gut dazu, dass es nach Graetz in Norddeutschland im Mittelalter überhaupt nur wenig Juden gab, und dass auch ihre Vertreibungen von dort erst mit der aus Mecklenburg (1492) und der aus Magdeburg (1493) begonnen haben. So bildet die jüdisch-deutsche Sprache eine lebendige Illustration zu den Wanderungen des ewigen Wandt rvolkes. Bekanntlich ist das osteuropäische Jüdisch-Deutsch in eine Anzahl von Unterdialekten gespalten, die hauptsächlich durch ihre Vokale von einander abstechen. Mit der gewöhnlichen Trennung in litauisches und polnisches Jüdisch-Deutsch kommt man dabei n!cht aus, sondern muss mindestens zwischen dem Jüdisch- Deutsch in Litauen, dem in Russisch-Polen und dem in Südosteuropa scheiden; doch hebt sich innerhalb des letzteren das ungarische wieder von dem galizischsüdrussisch-rumänischen so stark ab, dass man vielleicht am besten vier IJauptmundarten des osteuropäischen Jüdisch-Deutsch ansetzt. Welcher Art die Unterschiede zwischen diesen Dialekten sind, lässt sich an wenigen Beispielen erkennen. Die Wörter „Brot, gross" lauten im litauischen Jüdisch-Deutsch bred, gres,1) im polnischen (d. h. in Russisch-Polen) braud, graus, im südosteuropäischen (d. h. sowohl in Ungarn wie in Galizien, Südrussland und Rumänien) broid, grois, die Wörter „Fleisch, ich weiss" im litauischen Fleisch, weis, im polnischen Flaisch, wais, im galizischsüdrussisch-rumänischen Fleisch, weis, im ungarischen Fläsch, was. Während also im ersten Falle das galizisch-südrussisch-rumänische Jüdisch-Deutsch mit dem ungarischen übereinstimmt, zeigt es im zweiten dieselbe Vokalfärbung wie das litauische. So gibt es überhaupt wohl keinen Fall, in dem jeder einzelne der vier Hauptdialekte einen Vokal aufweist, der nur ihm allein zukäme; aber wenn man alle Unterschiede und Uebereinstimmungen zusammen betrachtet, erweist sich die Ansetzung eben von vier Hauptmundarten als die am meisten berechtigte. Sainean, der uns die Hauptucterschiede im Vokalismusdieser vier Dialekte in seinem Aufsatze über das Jüdisch-Deutsche im 12. Bande der Memoires de la societe de linguistique de Paiis (1903) vorführt, will dieselben bereits auf einzelne deutsche Mundarten zurückführen, so das au für ö im polnischen Jüdisch- Deutsch auf die gleiche Laulerscheinung im Schwäbischen, das oi für ö im südosteuropäischen Jüdisch- 1) - ist Zeichen der Länge eines Vokals.