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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 655 - 656

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Jeschibah [Illustration]
Date
1904-10-01
Page
Seite 655 - 656 (sequence 1)
Language
German
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655 656 DIE JÜDISCH-DEl Von Dr. Ric Im Jahre 1902 ist von Jakob Gerzon ein Buch unter dem Titel: „Die jüdisch-deutsche Sprache" erschienen, das so recht geeignet erscheint, die Vorurteile, die auch unter den Juden selbst gegen das Jüdisch-Deutsche bestehen, zu zerstören. Das Werk verdient um so mehr Beachtung, als es nicht nur auf streng wissenschaftlicher Grundlage beruht, sondern auch einen rheinischen Juden zum Verfasser hat, der das ja heute nur noch in Osteuropa gesprochene Jüdisch-Deutsche aus Liebe zum jüdischen Volkstum eigens erst erlernt hat. Um die Abneigung gegen das Jüdisch-Deutsche zu erklären, druckt Gerzon in seiner Einleitung eine Stelle aus einem Aufsatze des deutschen Gelehrten Hermann Lotze in Gosches Archiv für Literaturgeschichte aus dem Jahre 1870 ab, worin es sehr zutreffend heisst: „Wie den Juden als solchen, so traf seine Literatur, die hebräische so gut wie die jüdisch-deutsche, die Verachtung des Christen, der stolz und vornehm ignorierend auf jene herabsah. In der jüdisch-deutschen Sprache sah man nur einen elenden Jargon, dessen sich wirklich selbst der gebildete Jude unserer Tage schämt, und der höchstens für einen schlechten Witz sich verwenden liess." In der Tat hat die Abneigung der christlich-europäischen Umgebung gegen die Juden nicht nur den Antisemitismus unter diesen selbst erzeugt, sondern es hat sich auch die Verachtung, die diese Umgebung gegen die Sprache des Juden hegte, auf diesen selbst übertragen. Und merkwürdigerweise selbst in den Kreisen, TSC HE SPRACHE. a rd Loe we. Nachdruck verboten. in denen wieder jüdisches Selbstbewusstsein erwacht ist, dauert doch die Verachtung gegen den „Jargon", wie der osteuropäische Jude selbst seine Sprache nennt, fort, und sogar gute Nationaljuden glauben es ihrer Bildung schuldig zu sein, ihre verdorbene Sprache, für die sie ihr Jüdisch-Deutsch halten, gegen das Russische, Polnische, Magyarische oder Rumänische zu vertauschen. Dass damit dem Interesse des jüdischen Volkes auf das schwerste i ntgegengearbeitet wird, liegt klar zu Tage: denn wo nicht das Hebräische imstande ist, als Umgangssprache ohne weiteres an die Stelle des Jüdisch-Deutschen zu treten, ersetzt uns letzteres unsere Nationalsprache, während die Annahme der Idiome unserer Umgebung, wo sie mit einem Aufgeben des Jüdisch-Deutschen auch als Familiensprache verknüpft ist, den vollen Triumph der Ass milation bedeutet und über unsere künftigen Generationen das schwerste nationale Verhängnis bringen könnte. Der Widerspruch zwischen der Achtung des eigenen Volkes und der Verachtung der eigenen Sprache entspringt nun freilich nur philologischer Unkenntnis. Die Durchsetzung des Jüdisch-Deutschen mit hebräischen, slawischen und romanischen Elementen erscheint dem nicht philologisch Gebildeten als ein unorganisches Spracbgemengst 1, das kein Recht habe, weiter zu bestehen. Er bedenkt dabei freilich nicht, dass wir in einer Kultursprache ersten Ranges, dem Englischen, eine noch weit gemischtere Sprache besitzen, in der z. B. auch die im Jüdisch-Deutschen vor-

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